Manipulationsskandal erschüttert türkischen Finanzmarkt – 455.000 Anleger betroffen

Fast 455.000 Anleger sind von Vermögensverlusten betroffen und könnten ihre Ersparnisse nicht vollständig zurückerhalten.
Die Liquidation ersetzt keine Rechenschaft
Ökonomin Güldem Atabay fordert, dass die Verantwortlichen für den Manipulationsskandal zur Rechenschaft gezogen werden.
Mark

Warum ist dieser Skandal so groß? Es gibt doch überall Betrügereien an den Finanzmärkten.

Mimi

Weil es nicht um einzelne Betrüger geht, sondern um ein System. Mehrere große Fondsgesellschaften haben gleichzeitig ihre Fonds künstlich aufgewertet. Fast 500.000 Menschen sind betroffen – das ist ein großer Teil der türkischen Mittelschicht.

Luke

Aber wie viel Geld sprechen wir wirklich? Die Quelle nennt 6,5 Milliarden Euro für zwei Tera-Fonds, aber die Gesamtsumme aller 131 liquidierten Fonds wird nicht genannt.

Mimi

Das ist ein guter Punkt. Wir wissen, dass es groß ist, aber die genaue Dimension bleibt unklar. Was wir wissen: Der Leitindex ist um zwölf Prozent gefallen, 45 Menschen wurden festgenommen.

Mark

Und die Anleger – können sie hoffen, ihr Geld zurückzubekommen?

Mimi

Teilweise vielleicht. Bei Geldmarktfonds wahrscheinlich ja, bei Aktienfonds mit wertlosen Papieren eher nein. Die Liquidation dauert bis zu sechs Monate.

Luke

Aber auch das ist eine Schätzung. Die Finanzberaterin sagt "wahrscheinlich", nicht "sicher". Und ob die Manager persönlich haften werden, ist völlig offen.

Mark

Was ist mit den Politikern? Ist das nur Symbolpolitik, dass eine Ministerin zurücktritt?

Mimi

Das könnte der Anfang sein. Die Opposition will eine parlamentarische Untersuchung. Es geht um die Frage, ob Politiker in den Skandal verwickelt sind oder nur von ihm profitiert haben.

Luke

Aber bisher gibt es nur Vorwürfe zu Aktiengeschäften, keine Beweise für direkte Verwicklung in die Manipulation. Das ist wichtig zu unterscheiden.

Mark

Also: Anleger verlieren Geld, Manager werden verhaftet, und die Politik muss sich erklären.

Mimi

Genau. Und es zeigt, wie fragil das Vertrauen in den Finanzmarkt ist, wenn die Aufsicht nicht funktioniert.

  • 455.000 Anleger betroffen
  • 6,5 Milliarden Euro in zwei Tera-Fonds
  • 131 Fonds werden liquidiert
  • 45 Personen festgenommen
  • BIST 100 fiel um 12 Prozent in wenigen Handelstagen

Fondsgesellschaften sollen Fondswerte künstlich aufgebläht haben, während wertlose Aktien im Portfolio steckten. Rund 6,5 Milliarden Euro in zwei Tera-Fonds sind betroffen; 131 Fonds werden liquidiert.

Ein Manipulationsskandal bei türkischen Investmentfonds betrifft fast 500.000 Anleger. Der Leitindex stürzte ab, über 45 Personen wurden festgenommen und eine hochrangige AKP-Politikerin trat zurück.

In der Türkei, wo eine Inflation von etwa 30 Prozent das Ersparte aufzehrt, greifen Millionen Menschen zu Investmentfonds, um ihr Vermögen zu retten. Doch Mitte September kollabierte der Leitindex BIST 100 an einem einzigen Handelstag um sechs Prozent und verlor in wenigen Tagen insgesamt etwa zwölf Prozent seines Wertes. Der Grund war kein Marktunglück, sondern ein systematischer Betrug, der fast eine halbe Million Anleger erfasst hat und das Land erschüttert.

Die Finanzmarktaufsicht SPK entdeckte, dass mehrere große Fondsgesellschaften – darunter Tera, Pusula Portföy und Atlas – ihre Fonds künstlich aufgewertet hatten. Während sie Anlegern hohe Renditen versprachen, steckten in den Portfolios in Wahrheit wertlose Aktien. Allein zwei Tera-Fonds hielten etwa 6,5 Milliarden Euro Vermögen. Die Aufsicht schloss daraufhin Fonds von sieben Vermögensverwaltern und ordnete die Liquidation von insgesamt 131 Fonds an. Die Istanbuler Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Betrugs, Verstößen gegen das Kapitalmarktgesetz und der Gründung einer kriminellen Vereinigung. Justizminister Akin Gürlek teilte mit, dass bislang 45 Personen festgenommen wurden, darunter Führungskräfte von Investmentfirmen. Das Vermögen von 42 Privatpersonen und 46 juristischen Personen wurde eingefroren. Die Börse in Istanbul zog ebenfalls Konsequenzen: 27 Aktien fliegen zum 1. Oktober aus dem Leitindex.

Die zentrale Frage für die betroffenen Anleger lautet: Bekommen sie ihr Geld zurück? Die Antwort ist unbefriedigend. Die Fonds werden liquidiert, ihre Vermögenswerte verkauft und der Erlös proportional an die Anleger verteilt – aber nur, wenn die Aktien überhaupt einen Käufer finden. Die Frist für die Abwicklung wurde von drei auf sechs Monate verlängert, um den Verkaufsdruck zu senken und Schleuderpreise zu vermeiden. Doch es gibt keine Garantie. Ein Investmentfonds ist kein Sparkonto; der Wertverlust trifft den Anleger. Finanzberaterin Aysel Gündoğdu erwartet, dass Geldmarktfonds weitgehend ausgezahlt werden, doch bei Hedge- und Aktienfonds mit kaum handelbaren wertlosen Papieren könnte es erheblich schwieriger werden.

Ökonomin Güldem Atabay betont einen wichtigen Unterschied: Anleger müssen Marktverluste tragen, aber nicht die Folgen von Manipulation und falschen Informationen. Das bedeutet, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Gündoğdu hält es für wahrscheinlich, dass das Fondsvermögen die Forderungen der Anleger nicht decken wird und dass das persönliche Vermögen der Fondsgründer und Manager herangezogen werden könnte. Atabay fordert, die Verantwortlichen zu benennen und den Schaden bei ihnen einzutreiben. "Die Liquidation ersetzt keine Rechenschaft", schrieb sie.

Der Skandal hat bereits politische Konsequenzen. Fatma Betül Sayan Kaya, stellvertretende Vorsitzende der regierenden AKP und frühere Familienministerin, trat zurück. Grund waren Vorwürfe zu Aktiengeschäften, die sie und ihr Mann İlyas Kaya im Zusammenhang mit der Fondskrise getätigt haben sollen. Sie schrieb auf Social Media, dass politische Verantwortung über rechtliche hinausgehe und dass ihr Amt die Aufklärung nicht belasten solle. Die Opposition plant, das Thema ins Parlament zu bringen. Selçuk Özdağ, Fraktionsvize der Gruppe Yeni Yol, kündigte an, einen Antrag auf eine parlamentarische Untersuchung zu stellen, um zu klären, ob Politiker in den Manipulationsskandal verwickelt sind. Die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen.

Politische Verantwortung geht über rechtliche hinaus
— Fatma Betül Sayan Kaya, stellvertretende AKP-Vorsitzende, in ihrer Rücktrittserklärung
Die Krise ist weit größer als eine einfache Liquiditätskrise. Es gibt Fehler in Verwaltung und Aufsicht.
— Aysel Gündoğdu, Finanzberaterin in Istanbul
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