Magdeburger Landtag: Tillschneider will als Vizepräsident „unauffällig“ arbeiten

Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik Rechtsextreme im Präsidium
Ein historischer Moment im Magdeburger Landtag, der Politiker von links bis zur CSU alarmiert.
Mark

Warum ist diese Wahl so bedeutsam? Es geht doch nur um Verwaltungsposten.

Mimi

Weil das Präsidium eines Landtags nicht nur Verwaltung ist. Der Präsident leitet die Sitzungen, setzt die Tagesordnung, hat Autorität über das Haus. Dass eine als rechtsextrem eingestufte Partei diese Positionen besetzt, ist ein Symbol – und ein Werkzeug.

Luke

Aber halt: Tillschneider sagt, er wird "unauffällig" arbeiten. Können wir das nicht einfach abwarten, statt von Anfang an das Schlimmste zu unterstellen?

Mimi

Seine Vergangenheit spricht dagegen. Er hat im Landtag wiederholt provoziert. Das ist keine Vermutung, das ist dokumentiert.

Mark

Und diese mysteriösen zusätzlichen Stimmen – woher kamen die wirklich?

Luke

Das ist die zentrale offene Frage. Vier Stimmen für Rausch, fünf für Tillschneider aus unbekannten Quellen. Die CDU sagt, sie haben nicht dafür gestimmt. Das BSW sagt, sie haben nicht dafür gestimmt. Aber jemand hat.

Mimi

Und das ist das Beunruhigende: Wir wissen nicht, ob es Abweichler in den Fraktionen gab, oder ob etwas anderes passiert ist. Die Geheimheit der Wahl macht es unmöglich zu klären.

Mark

Könnte es auch sein, dass einzelne Abgeordnete aus Überzeugung für die AfD gestimmt haben?

Luke

Theoretisch ja. Aber dann müssten sie dazu stehen. Dass niemand sich dazu bekennt, ist selbst ein Signal.

Mimi

Und es zeigt, wie fragmentiert die Landespolitik geworden ist. Niemand kann mehr garantieren, wie seine eigenen Leute abstimmen.

Mark

Was passiert jetzt? Kann man diese Wahl anfechten?

Luke

Rechtlich ist das schwierig. Die Wahl ist erfolgt, die Stimmen sind gezählt. Es gibt keine Beweise für Unregelmäßigkeiten, nur Rätsel.

Mimi

Aber politisch ist klar: Das ist ein Bruch. Die SPD protestiert, die Grünen sind entsetzt. Das wird die Koalitionen in Deutschland belasten.

  • Hans-Thomas Tillschneider (AfD) mit 44 Stimmen zum Vizepräsidenten gewählt
  • Tobias Rausch (AfD) mit 48 Stimmen zum Landtagspräsidenten gewählt – 9 Stimmen mehr als AfD und BSW zusammen haben
  • Armin Willingmann (SPD) scheitert mit 33 Ja-Stimmen bei 48 Nein-Stimmen
  • SPD-Fraktion protestiert mit Marsch zum Bebelplatz, überreicht Grundgesetz und Weiße Rose statt Blumenstrauß
  • 6. Oktober 2026, Magdeburger Landtag

Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik wurden Rechtsextreme in ein Landtagspräsidium gewählt, was massive Kritik von SPD, Grünen und Linken auslöste. Tillschneider erhielt fünf Stimmen aus anderen Fraktionen, während Rausch vier Stimmen mehr bekam als AfD und BSW zusammen haben – die Herkunft dieser Stimmen bleibt unklar.

Der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider wurde zum Vizepräsidenten des Magdeburger Landtags gewählt und erhielt 44 Stimmen. Der AfD-Kandidat Tobias Rausch wurde zum Landtagspräsident mit rätselhaften zusätzlichen Stimmen gewählt.

Im Magdeburger Landtag ist am 6. Oktober ein historischer Moment eingetreten: Hans-Thomas Tillschneider von der AfD wurde zum Vizepräsidenten gewählt – mit 44 Stimmen im ersten Wahlgang. Fünf dieser Stimmen kamen aus anderen Fraktionen, deren Herkunft bis heute ungeklärt bleibt. Tillschneider selbst kündigte an, sein Amt "ganz professionell und unauffällig" auszuüben und verwies auf seine Erfahrung in Rechts- und Sozialausschüssen. Doch diese Versicherung steht in scharfem Kontrast zu seiner Vergangenheit: Der AfD-Politiker hat im Magdeburger Parlament wiederholt mit Provokationen für Aufsehen gesorgt, und seine Nähe zu Russland hat mehrfach Kritik hervorgerufen.

Tillschneiders Wahl ist Teil einer noch größeren Verschiebung. Sein Parteifreund Tobias Rausch wurde zum Landtagspräsidenten gewählt – mit 48 von 82 Stimmen. Das ist das Bemerkenswerteste: Rausch erhielt neun Stimmen mehr, als die AfD überhaupt Sitze im Landtag hat. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) hatte angekündigt, für Rausch zu stimmen; zusammen hätten AfD und BSW nur auf 44 Stimmen kommen können. Wo die vier zusätzlichen Stimmen herkamen, ist unklar. Die CDU-Fraktionsspitze hatte ihren 14 anwesenden Abgeordneten empfohlen, sich zu enthalten – es gab fünf Enthaltungen. CDU-Fraktionschef Sven Schulze beteuerte, dass niemand aus seiner Fraktion mit Ja gestimmt habe, ließ sich aber nicht auf Spekulationen ein. Unionsfraktionschef Thorsten Frei nannte die Tatsache dieser zusätzlichen Stimmen "in höchstem Maße bedenklich und besorgniserregend".

Die Reaktion aus Berlin war unmittelbar und deutlich. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch erklärte: "Dieses ist kein normaler Tag." Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik seien Rechtsextreme in ein Landtagspräsidium gewählt worden. "Das muss uns alle alarmieren." Die SPD-Bundestagsfraktion versammelte sich zu einem Protestmarsch, der vom Bundestag durchs Brandenburger Tor zum Bebelplatz führte – dem Ort der Bücherverbrennung nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933. Mehrere Abgeordnete trugen Grundgesetz-Bücher mit sich. Am Ende stimmte Verteidigungsminister Boris Pistorius nach einer engagierten Rede die Nationalhymne an.

Auch die Übergabe der Glückwünsche an den neuen Präsidenten wurde zur politischen Geste. Statt eines üblichen Blumenstraußes überreichte SPD-Fraktionsvorsitzende Katja Pähle Rausch ein Grundgesetz und eine Weiße Rose. "Kein Millimeter nach rechts. Auch nicht mit Blumenstrauß", teilte die Fraktion mit. Die Weiße Rose erinnert an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus; das Grundgesetz sollte daran erinnern, worauf unsere Demokratie gründet und woran sich auch ein Parlamentspräsident messen lassen müsse.

Vizekanzler und SPD-Chef Lars Klingbeil sah in der Wahl ein Zeichen von "beispielloser Verantwortungslosigkeit und Geschichtsvergessenheit". Er forderte die CDU auf zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass neben Rausch auch Tillschneider zum Vizepräsidenten gewählt wurde, während der SPD-Kandidat Armin Willingmann durchfiel. Im dritten Wahlgang erhielt Willingmann nur 33 Ja-Stimmen bei 48 Nein-Stimmen – gescheitert. Der dritte Vizepräsidenten-Posten bleibt vorerst unbesetzt. Carsten Borchert von der CDU wurde dagegen mit 64 Stimmen zum zweiten Vizepräsidenten gewählt.

Auch von anderen Parteien kam scharfe Kritik. Linken-Fraktionschef Sören Pellmann sprach von einem "schwarzen Tag für unsere Demokratie", Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann von einem "bedrückenden Tag". Selbst aus der CSU kam Kritik: Landesgruppenchef Hoffmann warf der AfD vor, demokratiefeindlich zu sein und das demokratische System zersetzen zu wollen. Die Wahl zeige, dass die AfD "nur 100 Prozent AfD" wolle und keinen Kompromiss eingehe.

Die Frage nach den mysteriösen zusätzlichen Stimmen bleibt offen. Ob sie von einzelnen CDU-Abgeordneten kamen, die sich der Fraktionslinie widersetzten, oder aus einer anderen Quelle stammten – die Geheimheit der Abstimmung macht es unmöglich, das zu klären. Was bleibt, ist die Tatsache selbst: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik sitzen Rechtsextremisten in einem Landtagspräsidium. Und die Frage, wie es dazu kommen konnte, wird die deutsche Politiklandschaft noch lange beschäftigen.

Das ist ein schwarzer Tag für unsere Demokratie
— Sören Pellmann, Linken-Fraktionschef
Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik seien Rechtsextreme in ein Landtagspräsidium gewählt worden. Das muss uns alle alarmieren.
— Matthias Miersch, SPD-Fraktionschef
Die Tatsache, dass es so ist, ist aus meiner Sicht in höchstem Maße bedenklich und besorgniserregend
— Thorsten Frei, Unionsfraktionschef
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