Lula vor vierter Amtszeit: 80 Jahre, noch nicht müde

Wir passen in niemandes Hinterhof
Lula bekräftigt Brasiliens Unabhängigkeit gegen geopolitische Einflusssphären auf der UN-Generalversammlung.
Mark

Warum ist diese Wahl für Europa wichtig? Lula scheint doch eher nach Süden zu schauen, zu China und den BRICS.

Mimi

Weil Brasilien der größte und bevölkerungsreichste Staat Südamerikas ist. Wenn Lula verliert, könnte ein Trump-freundlicher Kandidat gewinnen - das würde die ganze Region destabilisieren. Lula hält die Demokratie in einem Kontinent, der nach rechts driftet.

Luke

Aber die Frage ist: Wie stabil ist diese Demokratie wirklich? Lula hat hohe Zustimmung, aber fast die Hälfte lehnt ihn ab. Das ist kein Konsens.

Mark

Was ist mit seinen Sozialprogrammen? Die waren doch sein großer Erfolg.

Mimi

Sie waren es. Aber Secco sagt, sie sind an ihre Grenzen gestoßen. Die Wirtschaft wächst, aber normale Menschen spüren das nicht. Acht von zehn Haushalten sind verschuldet.

Luke

Das ist wichtig: Die OECD prognostiziert nur zwei Prozent Wachstum für 2026. Das ist nicht genug, um die Probleme zu lösen, die Lula selbst geschaffen hat - oder die unter seiner Herrschaft entstanden sind.

Mark

Und international? Ist er wirklich so wichtig?

Mimi

Ja, aber auf eine andere Weise als früher. Er ist nicht mehr der Hoffnungsträger der Linken. Er ist ein Pragmatiker, der Brasilien souverän halten will - gegen Trump, gegen China, gegen alle.

Luke

Wobei unklar ist, ob das funktioniert. Seine Venezuela-Vermittlung ist gescheitert. Seine Positionen zur Ukraine haben in Europa Fragen aufgeworfen. Er ist wichtig, aber nicht unumstritten.

  • Lula ist 80 Jahre alt und tritt zur vierten Amtszeit an
  • 1979 stand er während der Militärdiktatur auf einem Tisch vor Tausenden Arbeitern
  • Acht von zehn brasilianischen Haushalten sind verschuldet
  • Brasilien wächst 2023 um 3,2 Prozent, 2024 um 3,4 Prozent, aber die OECD prognostiziert 2026 nur 2,0 Prozent
  • Lula war 2018 für 580 Tage im Gefängnis, das Urteil wurde später annulliert

Lula führt Brasilien zurück auf die internationale Bühne und setzt auf Souveränität gegen geopolitische Einflusssphären. Trotz niedriger Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum fühlen sich viele Brasilianer als Verlierer, verschuldete Haushalte und hohe Zinsen belasten die Bevölkerung.

Präsident Lula tritt am Sonntag zur Wahl an und könnte eine historische vierte Amtszeit gewinnen. Der 80-jährige Gewerkschaftsführer gilt als wichtiger Partner Europas und Anker der Demokratie in einem nach rechts rückenden Lateinamerika.

Am Sonntag wird Brasilien wählen, und Präsident Lula will ein viertes Mal gewinnen. Mit 80 Jahren, ergrautem Bart und rauerer Stimme steht der frühere Gewerkschaftsführer erneut im Stadion Vila Euclides von São Bernardo do Campo - jenem Ort, an dem er 1979 während der Militärdiktatur auf einem Tisch stand, ohne Mikrofon, während Soldaten mit Schlagstöcken ringsum postiert waren. Arbeiter wiederholten seine Worte nach hinten, damit alle ihn hören konnten. Ein Foto aus dieser Zeit hängt heute in einem Restaurant in der Stadt, in dem Gijo, ein ehemaliger Metallarbeiter, dicke Schweine-Koteletts serviert. "Genau dieses Foto hat Lula zum Präsidenten der Republik gemacht", sagt Gijo.

Die Geschichte ist bemerkenswert: Ein Mann, der aus einer Landarbeiterfamilie stammt, wurde zum Anführer einer Bewegung, die Brasilien veränderte. In seinen ersten beiden Amtszeiten brachte Lula Wasser und Elektrizität in den armen Nordosten, holte Millionen Menschen aus Hunger und Armut mit Sozialprogrammen, die es Kindern ermöglichten zu lernen und zu essen. Kombiniert mit marktfreundlicher Wirtschaftspolitik erlebte Brasilien in den frühen 2000er Jahren goldene Jahre, getragen vom weltweiten Rohstoffhunger. Es war, wie Beobachter sagen, Brasiliens "Yes, we can"-Moment.

Doch heute, 47 Jahre nach jenem historischen Foto, ist die Bilanz komplizierter. Lula kann auf niedrige Arbeitslosigkeit, wachsende Exporte und deutlich weniger Entwaldung am Amazonas verweisen. Die Wirtschaft wuchs 2023 um 3,2 Prozent, 2024 sogar um 3,4 Prozent. Doch viele Brasilianer fühlen sich nicht wohlhabender. Acht von zehn Haushalten sind verschuldet. Hohe Zinsen bremsen Investitionen und belasten die Staatsfinanzen. Die OECD prognostiziert für 2026 ein langsameres Wachstum von nur zwei Prozent. Lincoln Secco, ein renommierter Historiker und Experte für die Geschichte der Linken in Brasilien, sagt: "Die Politik Lulas bietet wenig Zukunftsvision für jene Arbeiter, die während der PT-Regierungen einen sozialen Aufstieg erlebt haben - nun aber in prekären, schlecht bezahlten Jobs stecken und nachts noch als Uber-Fahrer arbeiten müssen." Bei ihnen bleibt das Gefühl, die Verlierer zu sein.

Lula hat hohe Zustimmungsraten, aber fast die Hälfte der Bevölkerung lehnt ihn ab. Frühere Korruptionsskandale lasten auf seiner Arbeiterpartei. Obwohl das Urteil gegen ihn wegen mutmaßlicher Bestechlichkeit - das ihn 2018 für 580 Tage ins Gefängnis brachte - wegen Befangenheit der Richter vollständig annulliert wurde, nennen seine Gegner ihn immer noch "Lula Ladrão", den Dieb.

Doch international hat Lula an Gewicht gewonnen. Aufstieg, tiefer Fall, spektakuläres Comeback 2022 und nun erneut Chancen auf eine vierte Amtszeit - all das hat ihn zu einer der wichtigsten Führungspersönlichkeiten des Globalen Südens gemacht. Er ist wohl der letzte Staatsmann alter Schule in einem immer weiter nach rechts rückenden Lateinamerika, in dem zuletzt mehrheitlich Trump-Verbündete Wahlen gewannen. Lula pocht auf Brasiliens Souveränität und eine multipolare Weltordnung. "Wir passen in niemandes Hinterhof", erklärte er Ende September auf der UN-Generalversammlung mit Blick auf die Trump-Regierung, die Lateinamerika wieder zum geopolitischen Hinterhof erklären will.

Brasilien ist Teil der BRICS-Gruppe, China ist größter Handelspartner, und gerade wurde das Mercosur-Handelsabkommen mit der EU geschlossen. Obwohl Lula mit seinen Positionen zur Ukraine und zum Nahost-Konflikt in Europa anfangs für Stirnrunzeln sorgte und seine Vermittlungsbemühungen in der Venezuela-Krise scheiterten, bleibt er einer der wichtigsten Partner Südamerikas - besonders bei Fragen der Demokratiefestigung, einer regelbasierten Weltordnung, Klimaschutz und Handelserweiterung. Lula hat Brasilien zurück auf die internationale Bühne geführt, während er im eigenen Land an Zustimmung verloren hat. Dass er keinen Nachfolger aufgebaut hat, ist ein Kritikpunkt. Doch eine politische Figur wie Lula gebe es in der Geschichte einfach nicht oft, sagt Gijo. Bei dieser Wahl, meint er, stehe erneut die Demokratie auf dem Spiel.

Die Politik Lulas bietet wenig Zukunftsvision für jene Arbeiter, die während der PT-Regierungen einen sozialen Aufstieg erlebt haben - nun aber in prekären, schlecht bezahlten Jobs stecken
— Lincoln Secco, Historiker und Experte für die Geschichte der Linken in Brasilien
Genau dieses Foto hat Lula zum Präsidenten der Republik gemacht
— Gijo, ehemaliger Metallarbeiter und Restaurantbesitzer in São Bernardo do Campo
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