Lettland verbietet Russisch an Schulen – Deutsch wird zum Favoriten

Russisch war eigentlich nie unsere freie Wahl
Die stellvertretende Bildungsministerin erklärt, warum Lettland die Sprache aus den Schulen verbannt.
Mark

Warum ist das Verbot von Russisch so wichtig für Lettland? Es ist doch nur eine Sprache.

Mimi

Weil Sprache nicht neutral ist. Russisch war nicht eine Wahl, sondern ein Instrument der sowjetischen Besatzung. Jetzt, wo Lettland unabhängig ist und sich bedroht fühlt, ist die Sprache ein Symbol für diese Vergangenheit und die gegenwärtige Angst.

Luke

Aber ein Drittel der Bevölkerung spricht Russisch zu Hause. Ändert ein Schulverbot wirklich etwas an der Realität?

Mimi

Nein, nicht sofort. Aber es sendet ein Signal: Lettland definiert sich neu. Und für Kinder, die jetzt aufwachsen, wird Deutsch zur Normalität statt Russisch.

Mark

Warum ausgerechnet Deutsch? Warum nicht Englisch oder Französisch?

Mimi

Deutsch hat praktische Gründe – deutsche Unternehmen sind in Lettland aktiv, viele Letten arbeiten in Deutschland. Aber es ist auch symbolisch: Deutschland ist Teil der EU, ein stabiler, wohlhabender Partner.

Luke

Die Zahlen sind beeindruckend – 57.000 Kinder, die Zahl der Lehrer hat sich verdoppelt. Aber woher kommen diese neuen Lehrer? Sind das wirklich qualifizierte Fachkräfte?

Mimi

Das Goethe-Institut bietet Fortbildungen für Quereinsteiger an, und die sind voll. Es ist ein Boom, aber auch ein Engpass.

Mark

Was passiert mit den Kindern, deren Eltern zu Hause Russisch sprechen?

Mimi

Sie lernen Deutsch in der Schule, aber sprechen weiter Russisch mit ihren Eltern. Das ist eine Spannung, die das Land noch aushalten muss.

Luke

Ist das Verbot nicht auch ein bisschen autoritär? Ein Staat, der eine Sprache verbietet?

Mimi

Es ist ein Verbot im Schulcurriculum, nicht im privaten Leben. Aber ja, es ist ein starkes Signal. Lettland sagt: Wir gehören zu Europa, nicht zu Russland.

Mark

Und die Schüler – wollen sie wirklich Deutsch lernen, oder ist das nur Pflicht?

Mimi

Beides. Aber viele sehen Deutschland als echte Möglichkeit – zum Studieren, zum Arbeiten, zum Leben. Das ist nicht erzwungen; das ist Hoffnung.

  • Seit diesem Schuljahr: Russisch darf an lettischen Schulen nicht mehr als Fremdsprache unterrichtet werden
  • Etwa 57.000 lettische Kinder lernen nun Deutsch; die Zahl der Deutschlehrer hat sich verdoppelt
  • Lettland war bis 1991 Teil der Sowjetunion; Russisch wurde zur dominierenden Sprache
  • Etwa ein Drittel der lettischen Bevölkerung spricht zu Hause Russisch

Russisch darf an lettischen Schulen nicht mehr als Fremdsprache unterrichtet werden – ein Bruch mit der sowjetischen Vergangenheit des Landes. Etwa 57.000 lettische Kinder lernen nun Deutsch; die Zahl der Deutschlehrer hat sich in wenigen Jahren verdoppelt.

Lettland verbietet seit diesem Schuljahr Russisch als Fremdsprache an Schulen und orientiert sich sprachlich stärker an Europa. Deutsch wird zur beliebtesten Alternative und profitiert von wirtschaftlichen Verbindungen und geopolitischen Gründen.

In Adazi, einem Ort bei Rigas, sitzen Fünftklässler seit wenigen Wochen über Deutschbüchern und lernen die Namen von Farben. "Hallo! Guten Tag!" – mehr beherrschen sie noch nicht. Aber das ist erst der Anfang einer Verschiebung, die sich durch Lettlands gesamtes Schulsystem zieht. Seit diesem Schuljahr ist Russisch als Fremdsprache an lettischen Schulen verboten. Deutsch ist zur bevorzugten Alternative geworden.

Die Entscheidung ist kein sprachliches Experiment, sondern ein bewusster Bruch mit der Vergangenheit. Lettland war bis 1991 Teil der Sowjetunion, und Russisch wurde zur dominierenden Sprache in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens – nicht als Wahl, sondern als Zwang. Ieva Silina, stellvertretende Bildungsministerin, drückt es deutlich aus: Russisch sei dem Land aufgezwungen worden, während es 50 Jahre lang besetzt war. Jetzt wolle Lettland einen Schlussstrich ziehen und sich als europäische Nation neu positionieren. Das Bildungssystem soll diesen Wandel widerspiegeln.

Doch die Realität ist komplizierter als eine Verordnung. Etwa ein Drittel der lettischen Bevölkerung spricht zu Hause Russisch. In Cafés und Geschäften ist die Sprache präsent. Aber seit Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 hat sich die politische Dringlichkeit verschärft. Die Sorge in Lettland ist groß, dass Russland in einigen Jahren auch das Baltikum angreifen könnte. Die Sprachreform ist Teil einer umfassenden Strategie der Distanzierung.

Von dieser Verschiebung profitiert vor allem Deutsch. Nach Angaben des Bildungsministeriums lernen inzwischen etwa 57.000 lettische Kinder die Sprache. Die Zahl der Deutschlehrer hat sich in wenigen Jahren verdoppelt – es gibt nun knapp 600 an den Schulen. Andere europäische Sprachen wie Französisch oder Spanisch werden ebenfalls angeboten, aber Deutsch hat besonders stark zugelegt. An der Schule in Adazi unterrichtet die 38-jährige Lehrerin Karina Della allein in diesem Schuljahr zehn Klassen. Sie hat Jahre in Deutschland gelebt und sieht sowohl politische als auch praktische Gründe für den Boom. Viele deutsche Unternehmen sind in Lettland aktiv, Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner. Hinzu kommt: Viele Letten arbeiten in Deutschland, ihre Kinder besuchen dort Verwandte. "Somit haben die Kinder mehr Motivation, Deutsch zu lernen", erklärt Della. Für viele junge Letten ist Deutschland nicht nur ein Schulstoff, sondern ein reales Ziel.

Die Schüler selbst sprechen von konkreten Hoffnungen. Die 13-jährige Evita kann sich vorstellen, später in Deutschland zu leben – ihre Mutter hat ihr erzählt, dass man dort gut studieren kann. Aleksandrs, ebenfalls 13, hat ein positives Bild: Deutschland habe "viele coole Sachen erfunden, wie etwa Autos", und es gebe "viel gutes Essen, Kultur und Architektur". Diese Sicht auf Deutschland als Partner in Europa ist das Gegenteil der sowjetischen Vergangenheit.

Das Goethe-Institut in Riga beobachtet den Deutsch-Boom unmittelbar. Es bietet Fortbildungen für Quereinsteiger als Deutschlehrer an – die Kurse sind voll. Jan Sprenger, stellvertretender Leiter des Rigaer Goethe-Instituts, sagt, dass neue Deutschlehrer vielerorts in Lettland dringend gesucht werden. Für Deutschland bestehe hier "eine Riesenchance, die EU zu leben", meint Sprenger. Sprache könne Verständigung und Austausch fördern und dadurch die Verbindung zwischen den Ländern stärken.

Mit dieser neuen Regel verabschiedet sich Lettland ein Stück weiter von seiner sowjetischen Vergangenheit. Eine neue Generation entdeckt Deutschland – nicht als Besatzer oder Rivale, sondern als europäischer Partner und für manche vielleicht als Ort für die eigene Zukunft.

Russisch war eigentlich nie unsere freie Wahl. Wir waren 50 Jahre lang besetzt, und Russisch wurde uns einfach aufgezwungen.
— Ieva Silina, stellvertretende Bildungsministerin Lettlands
Für Deutschland besteht da eine Riesenchance, die EU zu leben. Sprache könne Verständigung und Austausch fördern und dadurch die Verbindung zwischen den Ländern stärken.
— Jan Sprenger, stellvertretender Leiter des Goethe-Instituts Riga
Möchten Sie die ganze Geschichte? Das Original lesen bei tagesschau ↗
Kontakt FAQ