Lemberg erweitert Krankenhäuser, baut barrierefreie Wohnungen und schafft Rehabilitationszentren für Kriegsverletzte, während die Stadt täglich Abschiedszeremonien für gefallene Soldaten abhält. Die Stadt hat fünfzigtausend Einwohner im Fronteinsatz und ist zum wichtigsten humanitären Zentrum der Ukraine geworden, mit dem weltweit höchsten Anteil von Kriegsinvaliden im Verhältnis zur Bevölkerung.
Lemberg plant Wiederaufbau: Boule-Plätze neben Krankenhäusern für Kriegsverletzte
Boule-Spiel ist der Anreiz, nach der Behandlung wieder an die Luft zu gehen
Was hat dich am meisten überrascht, als du anfingst, diese Stadt während des Krieges zu planen?
Dass wir überhaupt planen konnten. Dass Menschen investieren wollen, obwohl Raketen fallen. Und dass kleine Dinge – wie Boule-Plätze – so große Wirkung haben.
Aber wie sicher ist diese Planung wirklich? Wenn morgen ein Angriff kommt und das Krankenhaus getroffen wird – sind die erweiterten Eingangsbereiche dann nicht sowieso irrelevant?
Das ist eine berechtigte Frage. Aber wir planen für den Fall, dass es morgen nicht getroffen wird. Und wenn es getroffen wird, müssen wir schneller wieder aufbauen können. Deshalb ist gute Planung jetzt noch wichtiger.
Du hast gesagt, dass Lemberg proportional die meisten Kriegsinvaliden der Welt hat. Wie viele Menschen sprechen wir da?
Das ist schwer zu beziffern, weil die Zahlen sich täglich ändern. Aber es sind Tausende. Und die Stadt ist nicht barrierefrei genug. Das ist unsere größte Schande und unsere größte Aufgabe.
Wer finanziert das alles? Die Stadt allein kann das nicht tragen.
Nein. Wir haben Partner – die Europäische Kommission, deutsche Städte, internationale Organisationen. Aber es reicht nicht. Wir müssen kreativ sein, müssen Gastronomen einbeziehen, müssen Architekturwettbewerbe machen, um die besten Lösungen zu finden.
Und was lernst du von Deutschland?
Planungskultur. Deutschland nimmt sich Zeit für ordentliche Planung. Das ist ein Luxus, den wir nicht haben, aber den wir brauchen. Denn am Ende verliert man die meiste Zeit mit schlechten Projekten.
Aber wie viel Zeit nimmst du dir wirklich? Wenn täglich Soldaten fallen und Menschen Wohnungen brauchen – kannst du wirklich auf perfekte Planung warten?
Das ist der Widerspruch, in dem wir leben. Wir müssen schnell sein und gleichzeitig gründlich. Es gibt keine einfache Antwort. Wir versuchen, beides zu tun.
El Pulso
- Lemberg hält täglich Abschiedszeremonien für gefallene Soldaten ab – manchmal für zwei, manchmal für zwölf
- Fünfzigtausend Einwohner Lembergs sind im Fronteinsatz
- Die Stadt hat im Verhältnis zur Bevölkerung weltweit den höchsten Anteil von Kriegsinvaliden
- Das zentrale Krankenhaus Lembergs hat dreißigtausend Plätze und ist das größte in der Ukraine
- Das Lviv Urban Forum zog in diesem Jahr tausendvierhundert Teilnehmer an
Lemberg erweitert Krankenhäuser, baut barrierefreie Wohnungen und schafft Rehabilitationszentren für Kriegsverletzte, während die Stadt täglich Abschiedszeremonien für gefallene Soldaten abhält. Die Stadt hat fünfzigtausend Einwohner im Fronteinsatz und ist zum wichtigsten humanitären Zentrum der Ukraine geworden, mit dem weltweit höchsten Anteil von Kriegsinvaliden im Verhältnis zur Bevölkerung.
Lembergs Chefarchitekt Anton Kolomieitsev erläutert, wie die ukrainische Stadt während des Krieges Infrastruktur für Verletzte, Flüchtlinge und Veteranen schafft – mit innovativen Lösungen wie Boule-Plätzen neben Krankenhäusern.
Anton Kolomieitsev, der Chefarchitekt Lembergs, sitzt in einer Stadt, die sich täglich neu erfinden muss. Jeden Tag hält Lemberg eine Abschiedszeremonie für gefallene Soldaten ab – manchmal für zwei, manchmal für zwölf an einem Tag. Im Stadtzentrum entsteht eine Gedenkstätte mit mehr als tausend Gräbern. Fünfzigtausend Einwohner der Stadt kämpfen an der Front. Und doch funktioniert das Leben: Die Schulen sind offen, Menschen gehen zur Arbeit, sitzen in Cafés. Für diejenigen, die aus frontnahen Gebieten hierherkommen, ist diese Normalität lebensnotwendig – ein Ort, um sich vom Krieg zu erholen.
Doch unter dieser Oberfläche vollzieht sich eine radikale Umgestaltung der Stadt. Lemberg ist zum wichtigsten humanitären Zentrum der Ukraine geworden, weil es relativ sicher ist. Das hat unerwartete Konsequenzen: Die Stadt beherbergt derzeit im Verhältnis zur Bevölkerungszahl wohl weltweit den höchsten Anteil von Kriegsinvaliden. Kolomieitsev und sein Team müssen eine Stadt für Menschen bauen, die Rollstühle brauchen, die Prothesen tragen, die psychologische Unterstützung benötigen. Die dringendsten Aufgaben sind klar: Ausbau der medizinischen Infrastruktur, Rehabilitationsangebote für Verwundete, Neubau von Sozialwohnungen, Wiederaufbau zerstörter Gebäude, Stärkung der städtischen Resilienz und Gedenken an die Gefallenen.
Die praktischen Probleme sind unmittelbar. Krankenhäuser werden überlastet, wenn Raketen und Drohnen treffen – nicht weil sie zu klein sind, sondern weil die Eingangsbereiche nicht für Massenandrang ausgelegt sind. Lemberg erweitert deshalb die Notaufnahmezonen. Der Winter kommt, und wenn die Energieversorgung zusammenbricht, müssen Menschen in Kellern überleben können. Das bedeutet Öfen in Wohnhäusern und Schulen, genug Holz zum Heizen, Sicherheitsstandards auch im Notfall. Es gibt tausende Bunker in der Stadt – teils aus sowjetischer Zeit, instandgesetzt und verstärkt, teils neu gebaut. Jeder muss funktionieren.
Aber Kolomieitsev denkt auch anders. Seine Stadt hat entdeckt, dass Boule-Spiel – das französische Kugelspiel – außergewöhnlich wirksam für die Rehabilitation ist. Kriegsverletzte, die gerade aus dem Krankenhaus kommen, brauchen einen Grund, wieder nach draußen zu gehen. Boule gibt ihnen diesen Grund. Deshalb legt Lemberg Boule-Plätze direkt neben den Krankenhäusern an. Es ist eine kleine Idee mit großer Wirkung – genau das, wofür Kolomieitsev steht.
Die Stadt arbeitet nach dem Prinzip der Barrierefreiheit und des sozialen Gleichgewichts. Das klingt abstrakt, aber es bedeutet koordinierte kleine Schritte. Innerhalb von zwei Jahren hat Lemberg alle Fußgängerüberwege barrierefrei gemacht. Die Bushaltestellen werden unter Hochdruck umgebaut. Das historische Kopfsteinpflaster, das überall in Lemberg liegt, wird geschliffen – nicht entfernt, sondern so bearbeitet, dass Rollstuhlfahrer darüber fahren können. Gastronomen finanzieren das mit, weil sie von besseren Gehwegen profitieren. Es ist ein System von gegenseitigen Vorteilen.
Das größte Projekt ist das "Unbroken"-Netzwerk – Zentren für medizinische Behandlung, Prothetik, Rehabilitation, psychische Gesundheit, Sport- und Kunsttherapie, über die ganze Stadt verteilt. Der Hauptcampus gehört zum zentralen Krankenhaus Lembergs, das mit dreißigtausend Plätzen das größte in der Ukraine ist. Gleichzeitig entstehen Wohn- und Bürokomplexe. Die Wirtschaft funktioniert und entwickelt sich weiter. Das ist nicht Wiederaufbau im klassischen Sinne – es ist Aufbau unter Feuer.
Kolomieitsev betont, dass Lemberg eine demokratische Stadt ist. Es gibt kaum große Bauherren, dafür viele engagierte Akteure, die miteinander konkurrieren. Und trotz des Kriegsrisikos gibt es große Investitionsbereitschaft. Nach Russlands Überfall 2022 gab es Debatten über den Wiederaufbau – höher, größer, spektakulärer, forderten viele. Kolomieitsev wollte das nicht. Er wollte einen Wiederaufbau, der Menschen einbezieht, auf kreative Kräfte setzt, bedarfsgerechte Lösungen anbietet und im Austausch mit der internationalen Fachwelt entwickelt wird. Mit Unterstützung der Europäischen Kommission, deutscher Städte wie Freiburg und Würzburg, und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit gründete er das Lviv Urban Forum. In diesem Jahr kamen tausendvierhundert Teilnehmer, darunter renommierte Architekten und Planer aus aller Welt. Lemberg trägt zu internationalen Debatten über die Zukunft der Städte bei – während es täglich um sein Überleben kämpft.
Citas Notables
Alles, was wir planen, basiert auf den Prinzipien der Barrierefreiheit und des sozialen Gleichgewichts— Anton Kolomieitsev, Chefarchitekt Lembergs
Wir wollten einen Wiederaufbau, der die Menschen einbezieht, auf kreative Kräfte setzt, bedarfsgerechte Lösungen anbietet— Anton Kolomieitsev