Iran: Wenn "Ehre" zum Todesurteil für Frauen wird

Maryam Yarmohammadi, 28-jährige Mutter von zwei Kindern, wurde von ihrem Bruder und Ehemann mit Messerstichen angegriffen, ihre Geschlechtsorgane verstümmelt und starb im Krankenhaus.
Gewalt wird normalisiert, wenn Überzeugungen, Zustimmung und Schweigen zusammenwirken
Die Psychoanalytikerin Saba Alaleh erklärt die gesellschaftlichen Mechanismen, die Femizide im Iran ermöglichen.
Mark

Was macht diesen Fall so bedeutsam, dass er die ganze Debatte über Ehrenmorde wieder aufwirft?

Mimi

Es ist nicht nur dieser eine Fall. Es sind die Zahlen dahinter – 179 Frauen im Jahr 2024 allein – und die Art, wie die Gesellschaft darauf reagiert. Hier protestierten Familienangehörige gegen die Verhaftung der Mörder, nicht gegen die Tat selbst.

Luke

Aber wir wissen nicht, warum Maryam getötet wurde. Der Bericht sagt "was die junge Frau getan hatte, ist nicht bekannt". Das ist wichtig – wir sprechen über einen Mord, aber die Vorwürfe gegen sie sind nie benannt worden.

Mimi

Genau das ist der Punkt. Frauen bekommen oft keine Chance, sich zu verteidigen. In traditionellen Regionen kann bereits ein freundliches Gespräch mit einem fremden Mann als Verstoß gelten.

Mark

Und das Justizsystem schützt sie nicht?

Mimi

Das Gegenteil. Männliche Angehörige können sogar nach dem Tod einer Frau Einfluss auf das Strafverfahren nehmen. Sie können zwischen Vergeltung und Begnadigung entscheiden.

Luke

Das ist ein strukturelles Problem, nicht nur ein kulturelles. Die Gesetze selbst sind das Werkzeug.

Mark

Gibt es Hoffnung? Können Aktivistinnen solche Fälle verhindern?

Mimi

Sie versuchen es. Es gibt Netzwerke, die bedrohte Frauen an sichere Orte bringen. Aber in Maryams Region gab es offenbar keine solche Unterstützung.

Luke

Das ist eine wichtige Einschränkung. Wir sollten nicht so tun, als würde es überall funktionieren. Die Aktivistinnen selbst arbeiten unter großen Einschränkungen.

Mark

Und die jüngeren Proteste – "Frau, Leben, Freiheit" – ändern das?

Mimi

Sie zeigen, dass Frauen nicht mehr warten. Sie fordern Selbstbestimmung jetzt, nicht irgendwann. Viele tragen den Hidschab nicht mehr, widersetzen sich dem Staat direkt.

Luke

Aber das ist auch ein Risiko. Je sichtbarer der Widerstand, desto größer die Gefahr für einzelne Frauen in konservativen Regionen.

Mimi

Ja. Deshalb ist Maryams Geschichte so tragisch. Sie zeigt, dass individueller Widerstand ohne strukturelle Veränderung tödlich sein kann.

  • Maryam Yarmohammadi, 28 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, am 5. Oktober 2026 von Bruder und Ehemann mit Messerstichen angegriffen und getötet
  • 2024: mindestens 179 Frauen von Familienmitgliedern im Iran ermordet (UN-Bericht März 2025)
  • In traditionellen Provinzen im Westen und Süden des Iran machen Ehrenmorde bis zu 45 Prozent aller Morde aus (Studie Polizeiakademie 2020)
  • Etwa 50 Familienangehörige protestierten vor dem Krankenhaus gegen die Verhaftung der Täter

Maryam Yarmohammadi wurde am 5. Oktober 2026 von Familienmitgliedern mit Messerstichen angegriffen und verstümmelt; Familienangehörige protestierten gegen die Verhaftung der Täter. Laut UN-Bericht wurden 2024 mindestens 179 Frauen im Iran von Familienmitgliedern ermordet; in traditionellen Provinzen machen Ehrenmorde bis zu 45 Prozent aller Morde aus.

Der brutale Mord an der 28-jährigen Maryam Yarmohammadi durch ihren Bruder und Ehemann auf der Insel Qeschm entfacht erneut die Debatte über Ehrenmorde im Iran, wo Frauenrechtsaktivistinnen auf systemische Schutzlücken und gesellschaftliche Normalisierung von Gewalt hinweisen.

In den frühen Morgenstunden des 5. Oktober 2026 starb Maryam Yarmohammadi im Krankenhaus auf der Insel Qeschm im Südiran. Die 28-jährige Mutter zweier Kinder war von ihrem Bruder und ihrem Ehemann mit Messerstichen angegriffen worden. Ihre Geschlechtsorgane wurden verstümmelt. Die beiden Täter wurden verhaftet und gestanden ihre Tat.

Als die Nachricht sich verbreitete, versammelten sich etwa 50 Familienangehörige und Verwandte vor dem Krankenhaus. Sie protestierten nicht gegen das, was geschehen war, sondern gegen die Verhaftung der beiden Männer. Nach Medienberichten waren sie der Überzeugung, dass Maryams Tod die "geringste Strafe" für sie gewesen sei. Was genau die junge Frau getan haben soll, wurde nicht bekannt. Doch das Muster ist im Iran bekannt: Ein Mann soll eine vermeintliche "Schande" beseitigen, die eine Frau über die Familie gebracht hat. Ohne dies zu tun, riskiert er, von seinem sozialen Umfeld abgelehnt, gedemütigt oder ausgegrenzt zu werden. Was als Verstoß gegen die "Ehre" gilt, wird von Familie und lokalen Normen bestimmt. In traditionell geprägten Regionen können lautes Lachen oder ein freundliches Gespräch mit einem fremden Mann bereits als solcher Verstoß gelten. Frauen, denen dies vorgeworfen wird, bekommen häufig keine Chance, sich zu verteidigen.

Die Zahlen sind erschreckend. Nach einer Studie der iranischen Polizeiakademie von 2020 machten sogenannte Ehrenmorde in einigen besonders traditionellen Provinzen im Westen und Süden des Landes bis zu 45 Prozent aller dort verübten Morde aus. Der UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte im Iran gab im März 2025 bekannt, dass 2024 mindestens 179 Frauen von Männern aus ihrem familiären Umfeld ermordet wurden – registriert als Femizide. Seit Jahren versuchen Frauenrechtsaktivistinnen, landesweite Netzwerke aufzubauen, um betroffenen Frauen Beratung und Schutz zu bieten. Die "Kampagne zur Beendigung von Ehrenmorden" ist eine dieser Initiativen. Rezvan Moghaddam, Sprecherin der Kampagne, sagte der Deutschen Welle, dass es in der Region um Qeschm offenbar keine Aktivistin oder Gruppe gegeben habe, die Maryam hätte unterstützen können. In einigen Fällen ist es den Netzwerken gelungen, bedrohte Frauen an sichere Orte zu bringen. Doch die Lücken bleiben groß.

Das iranische Justizsystem selbst verstärkt diese Lücken. Die auf der Scharia beruhenden Gesetze behandeln Frauen in vielen Bereichen nicht als gleichberechtigte Bürgerinnen. Ihre Entscheidungen über Bildung, Beruf oder Reisen können von der Zustimmung männlicher Verwandter abhängen. Auch nach dem Tod einer Frau können männliche Angehörige im Rahmen bestimmter rechtlicher Regelungen Einfluss auf den Verlauf eines Strafverfahrens nehmen. Bei Tötungsdelikten können die Angehörigen des Opfers zwischen der Forderung nach Vergeltung – die bei Mord die Todesstrafe bedeuten kann – und der Begnadigung des Täters entscheiden. Diese Konstellationen verdeutlichen die Schutzlücken im System.

Die Reaktion auf Maryams Tod offenbarte auch, wie Gewalt in der Gesellschaft normalisiert wird. In den sozialen Netzwerken gab es eine Welle der Bestürzung und Trauer. Doch es gab auch zahlreiche Kommentare, die das Opfer beschuldigten, von der "Bestrafung einer untreuen Frau" sprachen oder versuchten, "die Wut der Männer zu verstehen". Die Psychoanalytikerin Saba Alaleh erklärt, dass eine Struktur existiert, die Männern seit Jahren vermittelt, Frauen kontrollieren und deren Verhalten überwachen zu müssen. Männliche Identität werde an den "Gehorsam der Frau" geknüpft. "Gewalt wird in einer Gesellschaft normalisiert, wenn Überzeugungen, Zustimmung und Schweigen innerhalb einer solchen Struktur zusammenwirken", sagt Alaleh. Wenn kulturelle, soziale, politische, wirtschaftliche, rechtliche und bildungsbezogene Faktoren eng miteinander verbunden sind, entwickeln sie enorme Macht. Frauen sind unter solchen Bedingungen wirtschaftlich abhängig, verfügen nicht über ausreichende soziale Unterstützung und es fehlen Präventionsmechanismen – all dies erhöht die Gefahr von Gewalt.

Doch es gibt auch Widerstand. Die Soziologin und Frauenrechtsaktivistin Atefeh Rangriz betont, dass Frauen im Iran trotz aller Schwierigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht haben. Seit 1940 fahren Frauen Auto. Seit 1963 dürfen sie wählen und für politische Ämter kandidieren. Die Hälfte der Menschen mit Universitätsabschluss im Iran sind Frauen. Die Zahl der Frauen, die die Scheidung einreichen oder sich einvernehmlich aus unglücklichen Ehen lösen, steigt kontinuierlich. Mit der Bewegung "Frau, Leben, Freiheit", die aus den landesweiten Protesten von 2022 nach dem Tod von Jina Mahsa Amini hervorging, hat sich auch das öffentliche Bild der Frau im Iran verändert. Viele Frauen tragen den obligatorischen Hidschab inzwischen nicht mehr in der Öffentlichkeit und widersetzen sich damit den staatlichen Bekleidungsvorschriften. "Frauen haben gelernt, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, statt die Gerechtigkeit auf die Zukunft zu verschieben. Sie fordern sie jetzt", sagt Rangriz. "Sie wollen selbst über ihren Körper bestimmen, so leben, wie sie es möchten, und sich aus Herrschafts-, Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen befreien." Doch was sich Maryam Yarmohammadi wünschte und wie sie leben wollte – danach fragt kaum jemand. Sie wurde brutal ermordet.

Frauen haben gelernt, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, statt die Gerechtigkeit auf die Zukunft zu verschieben. Sie fordern sie jetzt.
— Atefeh Rangriz, Soziologin und Frauenrechtsaktivistin
Gewalt wird in einer Gesellschaft dann normalisiert, wenn Überzeugungen, Zustimmung und Schweigen innerhalb einer solchen Struktur zusammenwirken.
— Saba Alaleh, Psychoanalytikerin
Möchten Sie die ganze Geschichte? Das Original lesen bei Deutsche Welle ↗
Kontakt FAQ