Inder bilden die größte Gruppe ausländischer Studenten in Deutschland und konzentrieren sich auf Fachbereiche mit Fachkräftemangel wie Ingenieurwesen und Informatik. Alltägliche Erfahrungen mit Rassismus und Anpöbelungen in öffentlichen Verkehrsmitteln führen zu Sicherheitsbedenken und Überlegungen, Deutschland zu verlassen.
Indische Fachkräfte in Deutschland: Wachsende Sorgen um Sicherheit nach AfD-Erfolgen
Ihr macht es unsicher, obwohl ihr Fachkräfte braucht
Warum ist die Situation für indische Fachkräfte gerade jetzt so kritisch geworden?
Die AfD-Wahlerfolge im Osten haben eine Grenze überschritten. Vorher konnte man sagen: Das ist eine regionale Partei. Jetzt ist sie in mehreren Bundesländern stärkste Kraft. Für Inder, die hier leben, fühlt sich das wie ein Signal an.
Aber die AfD sagt doch, sie hat nichts gegen Fachkräfte. Wie viel von dieser Angst ist real, wie viel ist Wahrnehmung?
Die Angst ist real, weil die alltäglichen Erfahrungen real sind. Anpöbelungen in der Bahn, Blicke, Belästigungen. Das ist nicht Wahrnehmung, das ist Alltag.
Und warum verlassen sie nicht einfach das Land, wenn es so schlecht ist?
Weil viele hier Wurzeln haben. Häuser, Familien, Karrieren. Haneef hat seine Frau und seinen Sohn in Indien, aber seine Forschung ist in Rostock. Das ist ein echtes Dilemma.
Das Institut der deutschen Wirtschaft warnt vor Schwierigkeiten, Fachkräfte zu gewinnen. Aber wie konkret ist diese Warnung? Gibt es bereits Zahlen über Kündigungen oder Abwanderungen?
Noch nicht in großem Maßstab. Aber es gibt Signale: Ein Freund von Haneef ist bereits weg. Geschlossene Facebook-Gruppen mit 30.000 Indern diskutieren ernsthaft über Auswanderung. Das sind die Vorboten.
Und die Inder, die sagen, die Warnungen seien Angstmacherei — sind die naiv?
Nicht naiv, sondern privilegiert. Viele sind Hindus und glauben, dass die AfD nur Muslime und Flüchtlinge im Visier hat. Sie sehen sich als Vorzeigemigranten. Das ist eine gefährliche Selbsttäuschung.
Australien ist das Mahnbeispiel. Aber dort gab es physische Angriffe mit Waffen. Sind die Situationen wirklich vergleichbar?
Noch nicht. Aber Australien zeigt, wie schnell es eskalieren kann. Und wie schnell die wirtschaftlichen Folgen sind — 60 Prozent Rückgang in drei Jahren.
Was müsste Deutschland tun, um diese Entwicklung zu stoppen?
Zunächst klare Signale setzen, dass Rassismus nicht toleriert wird. Aber auch: Die Botschaft muss sein, dass Fachkräfte willkommen sind, unabhängig von ihrer Herkunft. Das ist jetzt nicht die Botschaft, die ankommt.
Le Pouls
- Inder bilden die größte Gruppe ausländischer Studenten in Deutschland; ihre Zahl hat sich in fünf Jahren verdoppelt
- AfD erhielt in Mecklenburg-Vorpommern 38 Prozent, in Sachsen-Anhalt 44 Prozent der Stimmen
- Ein Freund von Haneef ist bereits nach Indien zurückgekehrt; viele erwägen Auswanderung nach Dubai oder andere Länder
- In Australien führten Angriffe auf indische Studenten 2009 zu einem Rückgang der Einschreibungen um 60 Prozent in drei Jahren
Inder bilden die größte Gruppe ausländischer Studenten in Deutschland und konzentrieren sich auf Fachbereiche mit Fachkräftemangel wie Ingenieurwesen und Informatik. Alltägliche Erfahrungen mit Rassismus und Anpöbelungen in öffentlichen Verkehrsmitteln führen zu Sicherheitsbedenken und Überlegungen, Deutschland zu verlassen.
Indische Studenten und Fachkräfte in Deutschland äußern wachsende Sicherheitsbedenken angesichts der Wahlerfolge der AfD im Osten. Viele erwägen, das Land zu verlassen, obwohl Deutschland gezielt um indische Talente in Ingenieurwesen und Informatik wirbt.
Haneef saß drei Tage nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern in der Bahn von Rostock, als ein Fahrgast hinter ihm etwas Unfreundliches sagte. Ein Paar entschuldigte sich später dafür — nicht alle würden so denken wie "diese Idioten", sagten sie. Haneef, 33 Jahre alt, Chemiker aus Kerala, verstand die Botschaft. Sein Professor hatte ihm kurz zuvor eine Wahlkarte gezeigt: Die Universitätsstadt rot eingefärbt, die umliegenden Landkreise blau. In den blauen Gebieten, wo die AfD mit 38 Prozent stärkste Kraft geworden war, sollten indische Studenten besser nicht wohnen. Andere Studenten hätten dort unangenehme Situationen erlebt — Anpöbelungen, Bedrängungen.
Haneef war vor drei Jahren nach Rostock gekommen, frisch verheiratet und mit Doktortitel in der Tasche. Er hatte ein Angebot einer indischen Universität ausgeschlagen, um in Deutschland an Messinstrumenten für die Luftverschmutzungsforschung zu arbeiten. Seine Frau, eine Softwareentwicklerin, brauchte ein Land, das Fachkräfte suchte. Freunde in Amerika konnten das Land nicht verlassen, ohne ihre Einreisegenehmigung zu riskieren. Deutschland schien die bessere Wahl. Doch seine Frau fand keinen Job — viele Arbeitgeber wollten Deutschkenntnisse — und zog mit ihrem gemeinsamen Sohn zurück nach Indien. Seitdem lebt Haneef allein in Rostock und beobachtet, wie sich die Stimmung verändert. "Die Menschen zeigen eher, was sie über mich als Person mit dunkler Hautfarbe denken," sagt er. "Ich kann spüren, dass sie mich nicht mögen."
Indien stellt in Deutschland die größte Gruppe ausländischer Studenten. Sie konzentrieren sich auf Ingenieurwesen, Informatik und Naturwissenschaften — genau die Fachbereiche, in denen Deutschland Arbeitskräfte braucht. In den vergangenen fünf Jahren hat sich ihre Zahl verdoppelt, während die Zahlen in Kanada, den USA, Großbritannien und Australien rapide sinken. Das Institut der deutschen Wirtschaft betont, dass Inder besonders wichtig sind, weil sie nach dem Abschluss häufiger im Land bleiben als andere Nationalitäten. Joybrato Mukherjee, Präsident der Universität Köln und Leiter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, warnt jetzt vor einer Umkehrung dieses Trends. "Man nimmt die AfD-Erfolge in Indien natürlich wahr," sagt er. "Wenn indische Studierende nach Hause berichten, dass sie sich unwohl fühlen oder Rassismus erleben, kann sich das schnell ändern."
Die AfD hat nicht nur Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer in ihr Programm geschrieben. Sie fordert auch den Verzicht auf "kulturfremde Fachkräfte". Doch die Partei betont, dass sie nicht gegen die Zuwanderung von Fachkräften ist, sondern gegen "illegale Einwanderung" und Flüchtlinge. Ein Jahr vor den jüngsten Wahlen sagte der deutsche Botschafter in Neu Delhi, Deutschland sei im Gegensatz zu den USA ein "liberales und stabiles" Einwanderungsland. Diese Botschaft hat vielen Indern ein falsches Sicherheitsgefühl gegeben. Die Soziologin Amrita Datta von der Universität Bielefeld, die indische Migrationsströme nach Deutschland erforscht, sagt, dass viele indische Studenten — überwiegend Hindus — glauben, sie seien gegen die AfD immun, weil sie keine Muslime sind. "Sie glauben, dass sie als Vorzeigemigranten nicht zur Zielgruppe gehören." Diese Selbsttäuschung könnte sich schnell auflösen.
Die Realität ist alltäglicher und struktureller Rassismus. Haneef berichtet von einer Szene nach einem Fußballspiel: Eine Gruppe Männer, die wie Skinheads aussahen, näherte sich einem dunkelhäutigen Fahrgast bedrohlich. "Warum lachst du?", fragte der Anführer. Der Mann stieg aus. Seitdem meidet Haneef größere Männergruppen. Ein Freund von Haneef ist bereits nach Indien zurückgekehrt — er konnte es nicht mehr ertragen, in der Bahn belästigt zu werden. In einer WhatsApp-Gruppe mit etwa 800 Ausländern werden Berichte über Angriffe geteilt. Viele Mitglieder fürchten, selbst betroffen zu sein. Bekannte, die seit Jahren in Deutschland leben und ein Haus bauen oder ihre Familie hier haben, wissen nicht, was sie tun sollen, wenn die AfD in eine Regierung kommt.
Das Institut der deutschen Wirtschaft warnte bereits vor den Wahlen in Ostdeutschland, dass es Schwierigkeiten geben könnte, "internationale Fachkräfte für Regionen mit starker AfD-Präsenz zu gewinnen". Die Parallele zu Australien ist beunruhigend. 2009 häuften sich dort Angriffe auf indische Studenten — ein 25-Jähriger wurde mit einem Schraubenzieher attackiert. Die Einschreibungszahlen an australischen Universitäten brachen in drei Jahren um fast 60 Prozent ein. Der wirtschaftliche Schaden für Australien wird auf 1,3 Milliarden australische Dollar beziffert.
Haneef überlegt jetzt, mit seiner Familie nach Dubai zu ziehen. Dort sei es nicht so ein großes Problem, sich sozial anpassen zu müssen. Aber er müsste seine Forschung in Rostock zurücklassen. Die Frustration über diese Entscheidung ist groß. Er hatte ursprünglich seinen Namen nennen wollen, verlangt jetzt aber ein Pseudonym. Aus seiner Heimat Indien weiß er, wie gefährlich Kritik an der Politik sein kann. "Deutschland habe all diese Maßnahmen ergriffen, um Fachkräfte aus allen Teilen der Welt zu gewinnen," sagt er. "Für die könnte Deutschland ein sicherer Ort sein. Aber ihr macht es unsicher."
Citations marquantes
Man nimmt die AfD-Erfolge in Indien natürlich wahr. Wenn indische Studierende nach Hause berichten, dass sie sich unwohl fühlen oder Rassismus erleben, kann sich das schnell ändern.— Joybrato Mukherjee, Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes
Deutschland habe all diese Maßnahmen ergriffen, um Fachkräfte aus allen Teilen der Welt zu gewinnen. Für die könnte Deutschland ein sicherer Ort sein. Aber ihr macht es unsicher.— Haneef, indischer Chemiker in Rostock