Der Auswahlprozess beginnt ein Jahr vor der Verkündigung mit Nominierungen von Universitätsprofessoren, früheren Preisträgern und Autorenverbänden weltweit. Die Akademie bevorzugt Werke, die bereits in die drei Hauptsprachen übersetzt wurden und andere renommierte Literaturpreise gewonnen haben.
Hinter den Kulissen des Literaturnobelpreises: Wie die Schwedische Akademie entscheidet
Erst 50 Jahre später erfährt die Welt, wer nominiert wurde und verlor.
Warum dauert es eigentlich ein ganzes Jahr, bis die Akademie sich auf einen Namen einigt? Das klingt nach viel Zeit für eine Entscheidung.
Es ist tatsächlich ein langer Prozess, aber das hat Gründe. Die Akademie muss Hunderte von Nominierungen sichten, dann fünf Kandidaten auswählen und deren Werke gründlich lesen und diskutieren. Das ist keine oberflächliche Angelegenheit.
Aber wie transparent ist dieser Prozess wirklich? Die Akademie behält ihre Kriterien geheim. Wir wissen, dass Übersetzungen wichtig sind und dass andere Preise helfen, aber das sind eher Muster, die Forscher wie Sapiro beobachtet haben – nicht offizielle Regeln.
Interessant. Also kann die Akademie im Grunde nach Belieben entscheiden?
Nicht ganz. Alfred Nobels Testament gibt vor, dass das Werk "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung" sein soll. Das ist zwar vage, aber es gibt einen Rahmen. Und die Akademie hat sich auf bestimmte Kriterien geeinigt: Einfluss, Universalität, literarische Qualität.
Aber "idealistisch" – das ist eine sehr subjektive Kategorie. Und die Tatsache, dass die Akademie ihre Entscheidungsgründe 50 Jahre lang geheim hält, macht es unmöglich, ihre Konsistenz zu überprüfen. Wir sehen nur die Muster, nicht die Diskussionen.
Dann sind die Chancen für Autoren außerhalb Europas also deutlich geringer?
Ja, das ist ein großes Problem. Von 122 Preisträgern kommen nur 33 nicht aus Europa. Das ist eine klare Verzerrung. Aber es gibt auch praktische Gründe: Werke müssen ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt sein, um überhaupt in Betracht zu kommen. Das bevorzugt Autoren aus Ländern mit etablierten Verlagssystemen und Übersetzungsmärkten.
Das ist ein wichtiger Punkt. Es ist nicht nur eine Frage der Akademie-Vorlieben, sondern auch der globalen Buchmarktstrukturen. Aber das bedeutet auch, dass die Akademie ihre Kriterien bewusst oder unbewusst so setzt, dass sie diese Strukturen verstärkt.
Und wie steht es um Frauen?
Lange Zeit waren Frauen stark unterrepräsentiert – der Anteil lag unter zehn Prozent. Erst in den letzten acht Jahren hat sich das verbessert, auf etwa 15 Prozent. Das ist ein Fortschritt, aber immer noch weit entfernt von Parität.
Das zeigt, dass sich die Akademie bewusst bemüht hat, ihre Auswahl zu diversifizieren. Aber 15 Prozent ist immer noch niedrig. Und wir wissen nicht, ob das ein dauerhafter Trend ist oder nur eine Phase.
Der Puls
- Auswahlprozess beginnt im September mit Nominierungen von bis zu 200 Kandidaten
- Akademie wählt fünf Namen aus, die Mitglieder lesen über den Sommer und entscheiden im Oktober
- Alle Preisträger seit 1990 waren ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt
- Von 122 Preisträgern stammen nur 33 nicht aus Europa
- Frauenanteil bei Preisträgern liegt bei 14,9 Prozent
Der Auswahlprozess beginnt ein Jahr vor der Verkündigung mit Nominierungen von Universitätsprofessoren, früheren Preisträgern und Autorenverbänden weltweit. Die Akademie bevorzugt Werke, die bereits in die drei Hauptsprachen übersetzt wurden und andere renommierte Literaturpreise gewonnen haben.
Die Schwedische Akademie wählt den Literaturnobelpreisträger durch einen mehrstufigen Prozess aus Hunderten Nominierten. Kriterien sind anspruchsvolle, einflussreiche Werke mit universeller Bedeutung und Übersetzungen in Englisch, Französisch und Deutsch.
Am Donnerstag, dem 8. Oktober, um 13 Uhr Mitteleuropäischer Sommerzeit wird Ingrid Carlberg, die neue Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie, vor die Presse treten und den Namen verkünden, der in diesem Jahr den Literaturnobelpreis erhält. Es ist ein Moment, auf den die Literaturwelt wartet – und einer, der das Ende eines Prozesses markiert, der bereits ein Jahr zuvor in Gang gesetzt wurde. Can Xue gilt als Favoritin in diesem Jahr, doch auch Margaret Atwood und Salman Rushdie werden in den Diskussionen genannt. Doch wie entsteht diese Entscheidung eigentlich? Wer bestimmt, welches Werk würdig ist, die höchste Auszeichnung der Literatur zu erhalten?
Die Schwedische Akademie ist das Gremium, das diese Verantwortung trägt. Sie besteht aus 18 Mitgliedern – Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Professorinnen und Professoren, Intellektuelle aus verschiedenen Ländern. Im September eines jeden Jahres verschickt das Nobelkomitee Formulare an Hunderte von Personen und Organisationen, die berechtigt sind, Kandidaten vorzuschlagen. Dazu gehören Professorinnen und Professoren für Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft an Universitäten weltweit, frühere Nobelpreisträger und Vorsitzende von Autorenverbänden, die das literarische Schaffen ihrer Länder repräsentieren. Wer zu diesen Gruppen gehört, aber kein Formular erhielt, darf trotzdem einen Vorschlag einreichen. Die Liste der Nominierten kann bis zu 200 Namen pro Jahr umfassen, wie die Forschungsdirektorin Gisèle Sapiro vom Centre National de la recherche scientifique erklärt. Das Komitee kann auch selbst noch Namen hinzufügen, besonders solche, die bereits in früheren Jahren nominiert wurden.
Im Frühjahr folgt dann ein mehrstufiger Auswahlprozess. Das Nobelkomitee wählt fünf Namen aus, die es der Akademie vorlegt. Über den Sommer lesen die Akademiemitglieder die Werke dieser fünf Kandidaten und diskutieren miteinander. Anfang Oktober wird die Entscheidung dann verkündet. Doch nach welchen genauen Kriterien die Akademie ihre Wahl trifft, behält sie lieber für sich. Das ist einer der großen Geheimnisse des Preises: Wer nominiert wurde und nicht gewann, erfährt die Öffentlichkeit erst 50 Jahre später, wenn die Akademie ihre Archive freigibt. Ein Blick in diese Unterlagen zeigt, dass manchmal Jahrzehnte zwischen der ersten Nominierung und dem tatsächlichen Gewinn des Preises liegen. Die britische Schriftstellerin Doris Lessing etwa wurde 2007 ausgezeichnet – 35 Jahre nachdem sie zum ersten Mal nominiert worden war.
Alfred Nobel, der Stifter des Preises, hatte in seinem Testament bestimmt, dass ausgezeichnet werden solle, wer "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat". Das ist eine Formulierung, die viel Raum für Interpretation lässt. Nach Aussage von Gisèle Sapiro zielt die Akademie darauf ab, anspruchsvolle Literatur zu würdigen, die einflussreich ist und etwa eine neue Strömung begründet hat. Das Werk muss universell sein und über die eigene Kultur hinausreichen. Ein wichtiger Maßstab dafür sind Übersetzungen. Sapiro hat bei ihren Recherchen festgestellt, dass alle Nobelpreisträger seit 1990 zuvor ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt worden waren – mit einer Ausnahme: Abdulrazak Gurnah, der tansanisch-britische Preisträger von 2021, dessen Werke bis dahin noch nicht auf Deutsch vorlagen. Diese drei Sprachen sind also entscheidend für die globale Sichtbarkeit eines Werkes.
Es hilft den Kandidaten auch erheblich, wenn sie bereits andere große Literaturpreise gewonnen haben – den International Man Booker Prize etwa, den Cervantes-Preis oder den Büchner Preis. Auch die Politik kann eine Rolle spielen. Mehrfach wurden Schriftstellerinnen und Schriftsteller ausgezeichnet, die in offener Opposition zu den Regimen ihrer Heimatländer standen. 2015 erhielt die Belarusin Swetlana Alexijewitsch den Preis, eine scharfe Kritikerin von Machthaber Alexander Lukaschenko. Das Genre des Werkes spielt dagegen keine Rolle. Preisträger wurden nicht nur für Romane geehrt, sondern auch für Lyrik, Theaterstücke oder, im Fall Alexijewitschs, für ihre eigene literarische Gattung der dokumentarischen Stimmencollage. 2016 erhielt sogar der Singer-Songwriter Bob Dylan den Preis für seine Liedtexte.
Doch die Geschichte des Nobelpreises offenbart auch strukturelle Ungleichgewichte. Von insgesamt 122 Preisträgern stammen nur 33 nicht aus Europa. Noch deutlicher ist das Geschlechterungleichgewicht: Der Frauenanteil lag lange Zeit deutlich unter zehn Prozent. Erst in den vergangenen acht Jahren wechselten sich Männer und Frauen bei den Auszeichnungen regelmäßiger ab, was den prozentualen Anteil der Frauen auf 14,9 Prozent erhöhte. Es ist ein Fortschritt, aber auch ein Spiegel davon, wie lange es dauerte, bis die Akademie ihre Auswahlkriterien und ihre eigene Zusammensetzung hinterfragte.
Bemerkenswerte Zitate
Die Liste der Nominierten kann bis zu 200 Namen pro Jahr umfassen— Gisèle Sapiro, Forschungsdirektorin am Centre National de la recherche scientifique
Alle Preisträger und Preisträgerinnen seit 1990 waren zuvor ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt worden— Gisèle Sapiro