Frauenfußball boomt, doch Gehälter bleiben prekär

Psychische Krisen und Burnout-Risiken: 46% der 49% der Spielerinnen, die einen Karriereausstieg erwägen, nennen psychische Gesundheit als Grund.
In derselben Liga spielen Mannschaften, deren Spielerinnen gar nicht bezahlt werden.
Frankie Brown beschreibt die extremen Unterschiede innerhalb einzelner Frauenfußball-Ligen.
Mark

Warum ist das Paradoxon so scharf? Der Sport boomt, aber die Spielerinnen verdienen kaum Mindestlohn?

Mimi

Weil Wachstum nicht automatisch verteilt wird. Die Einnahmen steigen, aber die Strukturen, die das Geld zu den Spielerinnen bringen, sind noch nicht überall aufgebaut. Manche Ligen sind professionell, andere nicht.

Luke

Aber wie viele Spielerinnen verdienen wirklich unter Mindestlohn? Der Bericht sagt "viele", aber gibt keine genaue Zahl.

Mimi

Das ist der Punkt — der Durchschnitt von 2600 Dollar täuscht. Wenige verdienen viel mehr, viele verdienen weniger. In Afrika sind es 385 Euro im Monat. Das ist definitiv unter Mindestlohn.

Mark

Und die psychischen Krisen — sind die neu oder wurden sie nur jetzt gemessen?

Mimi

Beides. Das Wachstum bringt neue Belastungen: mehr Medienaufmerksamkeit, mehr Druck, mehr Missbrauch in sozialen Medien. Aber die Vereine haben keine Strukturen aufgebaut, um damit umzugehen.

Luke

46 Prozent der 49 Prozent nennen psychische Gesundheit als Grund zum Ausstieg. Das sind etwa 23 Prozent aller Spielerinnen. Ist das viel?

Mimi

Für einen Sport, der gerade erst professionalisiert wird, ist das besorgniserregend. Es bedeutet, dass der Boom Menschen verliert, die ihn aufbauen.

Mark

Was würde die WNBA-Lösung ändern?

Mimi

Spielerinnen würden automatisch am Wachstum beteiligt. Wenn die Einnahmen steigen, steigen auch ihre Gehälter. Das schafft Sicherheit.

Luke

Aber die WNBA-Vereinbarung ist 2026 — also gerade eben. Wie lange dauert es, bis so etwas im Frauenfußball umgesetzt wird?

Mimi

Das ist offen. FIFPRO fordert es, aber die FIFA muss es durchsetzen. Und die Vereine müssen es akzeptieren.

Mark

Deutschland will Vorbild sein. Reicht das?

Mimi

Deutschland hat höhere Gehälter und bessere Strukturen als die meisten Länder. Aber selbst dort sind Assistenztrainer erst seit 2025/26 Vollzeitangestellte. Das zeigt, wie jung die Professionalisierung noch ist.

  • Weltweite Einnahmen sollen 2027 über eine Milliarde US-Dollar erreichen
  • Nur 66 Prozent der Profis erhalten Jahresverträge; durchschnittliche Vertragslaufzeit 1,6 Jahre
  • Durchschnittsgehalt weltweit 2.600 US-Dollar, aber regional: Afrika 385 Euro/Monat, Nordamerika 5.360 Euro/Monat
  • 46 Prozent der 49 Prozent der Spielerinnen, die Karriereausstieg erwägen, nennen psychische Gesundheit als Grund
  • Frauen-Bundesliga-Spielerinnen verdienen durchschnittlich 48.000 Euro pro Jahr (Saison 2023/24)

Weltweite Einnahmen im Frauenfußball sollen 2027 die Milliardenmarke überschreiten, doch 66% der Profis erhalten nur Verträge für durchschnittlich 1,6 Jahre. Das Durchschnittsgehalt liegt bei 2.600 US-Dollar weltweit, mit extremen regionalen Unterschieden: Afrika 385 Euro/Monat, Nordamerika 5.360 Euro/Monat.

Der Frauenfußball boomt mit prognostizierten Milliarden-Einnahmen bis 2027, doch viele Profispielerinnen verdienen kaum Mindestlohn und kämpfen mit psychischen Belastungen durch wirtschaftliche Unsicherheit.

Der Frauenfußball steht an einem merkwürdigen Wendepunkt. Die Zahlen sehen glänzend aus: Die globale Spielergewerkschaft FIFPRO prognostiziert, dass die weltweiten Einnahmen 2027 erstmals die Milliardenmarke durchbrechen werden. Die Weltmeisterschaft in Brasilien im Juni und Juli 2027 soll das bislang meistgesehene und umsatzstärkste Frauenfußballturnier der Geschichte werden. Und doch verbirgt sich hinter diesem Boom eine andere Realität — eine, in der Tausende von Profispielerinnen kaum vom Fußball leben können.

Die FIFPRO-Studie, die auf Befragungen von Spielerinnen weltweit basiert, zeichnet ein differenziertes Bild der Branche. Nur 66 Prozent der Profis erhalten Verträge für das ganze Jahr. Die durchschnittliche Vertragslaufzeit bei Vereinen beträgt magere 1,6 Jahre. Das weltweite Durchschnittsgehalt liegt bei 2600 US-Dollar monatlich — doch dieser Wert täuscht. Wenige Spielerinnen verdienen deutlich mehr und verzerren den Durchschnitt nach oben. Die Mehrheit verdient weniger. Und die regionalen Unterschiede sind dramatisch: In Afrika verdienen Profispielerinnen durchschnittlich 385 Euro pro Monat. In Osteuropa sind es etwa 785 Euro. In Nordamerika dagegen knapp 5360 Euro. Das ist nicht nur ein Unterschied — das ist ein anderer Sport.

Frankie Brown, der Forschungsleiter für Frauenfußball bei FIFPRO, erklärt gegenüber der Deutschen Welle, dass die Ungleichheit nicht nur zwischen den stärksten Ligen und dem Rest verläuft. Sie durchzieht auch einzelne Ligen von innen heraus. In manchen Wettbewerben arbeiten Vereine professionell und zahlen ihren Spielerinnen angemessene Gehälter. In derselben Liga spielen gleichzeitig Mannschaften, deren Spielerinnen Amateurverträge haben und überhaupt nicht bezahlt werden. Das ist nicht Übergangsphase — das ist Struktur.

Die wirtschaftliche Unsicherheit hinterlässt Spuren, die über Kontoauszüge hinausgehen. Psychische Belastungen sind laut dem Bericht inzwischen der zweithäufigste Grund, warum Spielerinnen darüber nachdenken, ihre Karriere frühzeitig zu beenden. Von den 49 Prozent der Fußballerinnen, die einen Ausstieg erwägen, nennen 46 Prozent ihre psychische Gesundheit als Grund. Alex Culvin, FIFPRO-Direktorin für Frauenfußball, nennt das einen der besorgniserregendsten Aspekte des Berichts. Spielerinnen berichten von neuen Belastungen, die das Wachstum des Sports mit sich bringt: höherer Arbeitsaufwand, Missbrauch in sozialen Medien, fehlende Schutzstrukturen in den Vereinen. Viele Clubs haben keine Mechanismen entwickelt, um mit diesen Veränderungen umzugehen.

FIFPRO fordert deshalb von der FIFA, verbindliche Mindeststandards für den Frauenfußball einzuführen — grundlegende Vorgaben bei Verträgen, Rentenansprüchen und Gesundheitsversorgung. Als Vorbild gilt die Tarifvereinbarung der nordamerikanischen Basketballliga WNBA, die 2026 vereinbart wurde. Der Kern: Spielerinnen werden künftig deutlich stärker am wirtschaftlichen Erfolg der Liga beteiligt. Ihre Einkommen steigen automatisch, wenn die Einnahmen wachsen. Das Signal, das dieses Abkommen weltweit aussendet, ist klar: Sportlerinnen können für bessere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen und eine stärkere Beteiligung an den Einnahmen kämpfen — und gewinnen.

Deutschland positioniert sich als Vorbild für strukturelle Verbesserungen. In der Saison 2023/24 verdiente eine Spielerin der Frauen-Bundesliga im Durchschnitt etwa 48.000 Euro Grundgehalt pro Jahr — deutlich höher als der globale Durchschnitt. Doch auch hier zeigt sich, wie jung die professionelle Infrastruktur noch ist. Erst seit der Saison 2025/26 sind Vereine der Frauen-Bundesliga verpflichtet, Assistenztrainer, Torwarttrainer und Athletiktrainer hauptberuflich in Vollzeit zu beschäftigen. Das sind Strukturen, die im Männerfußball längst selbstverständlich sind.

Die englische Women's Super League gilt als Goldstandard. Nicole Anyomi, Deutschlands Nationalspielerin, wechselte von Eintracht Frankfurt zu den London City Lionesses. Der Unterschied war nicht nur das Geld. Es war die Infrastruktur: Mehr als 30 Mitarbeitende statt sieben oder acht. Jeden Tag etwas Neues lernen. Schneller wachsen als Spielerin. Das ist der Unterschied zwischen einem Sport, der professionalisiert wird, und einem, der es bereits ist.

Je schneller der Frauenfußball wächst, desto dringender wird es, die Lücken zu schließen. Das Geld ist da. Die Frage ist nur, wer es bekommt.

In manchen Wettbewerben gibt es Vereine, die professionell arbeiten und ihren Spielerinnen ein angemessenes Gehalt zahlen. Gleichzeitig spielen in derselben Liga Mannschaften, deren Spielerinnen Amateurverträge haben und gar nicht bezahlt werden.
— Frankie Brown, FIFPRO-Forschungsleiter für Frauenfußball
Das Wachstum in den fortschrittlichsten Märkten darf nicht vollständig vom Rest der Branche entkoppelt sein.
— Alex Culvin, FIFPRO-Direktorin für Frauenfußball
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