Französische Oberschüler protestieren trotz Milliarden-Investitionen

Nicht blanke Armut, sondern eine relativ verbesserte Lage schürt die Neigung zur Revolution.
Die Schüler protestieren trotz massiver Investitionen in ihre Schulen – ein Paradoxon, das der Philosoph Tocqueville hätte vorhersehen können.
Mark

Warum protestieren die Schüler, wenn Frankreich so viel Geld in die Schulen investiert?

Mimi

Das ist genau die Spannung, die die Geschichte trägt. Die Investitionen sind real – 6,6 Milliarden Euro in Paris seit 2017 – aber die Schüler erleben täglich, dass etwas nicht funktioniert. Die Hitzewelle war real, der Lehrermangel ist real, die sinkenden PISA-Ergebnisse sind real.

Luke

Aber wir sollten vorsichtig sein: Die Schüler berichten von Ratten und Regen, aber die Quelle sagt nicht, dass diese Berichte überprüft wurden. Das ist, was die Schüler sagen, nicht unbedingt, was überall der Fall ist.

Mark

Was ist denn mit den Reformen schiefgelaufen?

Mimi

Macron hat das zentrale Abitur abgeschafft und Leistungskurse nach deutschem Vorbild eingeführt. Das sollte flexibler sein, aber es führte zu mehr Freistunden und längeren Schulzeiten ohne bessere Ergebnisse.

Luke

Das ist wichtig: Die Reformen waren gut gemeint, aber die Umsetzung hat zu Problemen geführt. Und die PISA-Ergebnisse sind tatsächlich die schlechtesten seit 2000.

Mark

Und der Lehrermangel?

Mimi

Das ist vielleicht das größte Problem. Frankreich hat die Lehrerausbildung reduziert und die Gehälter sind niedrig im Vergleich zu Deutschland. Besonders in Mathematik und Naturwissenschaften fehlen Lehrer.

Luke

Aber hier sollten wir unterscheiden: Der Mangel ist dokumentiert, aber die Quelle sagt nicht, wie viele Stellen unbesetzt sind oder wie viele Unterrichtsstunden ausfallen.

Mark

Was bedeutet das für die Zukunft?

Mimi

Die Schüler fühlen sich als verlorene Generation. Sie sehen, dass das System viel Geld kostet, aber nicht funktioniert. Das ist ein echtes Vertrauensproblem.

  • 6,6 Milliarden Euro in Sanierung und Neubau von Oberschulen in der Region Paris seit 2017
  • 53 Oberschulen renoviert und 3 neu gebaut im Département Seine-Saint-Denis unter Macron
  • Frankreichs schlechteste PISA-Ergebnisse seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000
  • Mehr als 70 Prozent der französischen Schulgebäude älter als 50 Jahre
  • Temperaturen über 35 Grad Celsius in vielen Klassenzimmern während der Hitzewelle

Die Oberschüler sehen sich als verlorene Generation, die den Niveauverlust des französischen Bildungssystems ausbaden muss. Dafür gibt es m… In den Erzählungen protestierender französischer Oberschüler ist Frankreichs Bildungssystem nicht nur in der jüngsten PISA-Studie ganz unte…

Die Oberschüler sehen sich als verlorene Generation, die den Niveauverlust des französischen Bildungssystems ausbaden muss. Dafür gibt es mehrere Gründe – und einer davon weist nach Deutschland.

Die Oberschüler Frankreichs beschreiben ihre Schulen in düsteren Farben: Regen tropft durch die Decken, Ratten laufen über die Flure, im Winter bleibt die Heizung kalt, der Putz bröckelt von den Wänden, die Toiletten sind verstopft, Toilettenpapier ist chronisch Mangelware. Doch wenn man die Investitionen nachzählt, ergibt sich ein anderes Bild – eines, das die Wut der Schüler eher rätselhaft macht.

Allein in der Region Paris sind seit 2017 insgesamt 6,6 Milliarden Euro in die Sanierung und den Neubau von Oberschulen geflossen. Im Département Seine-Saint-Denis, einem sozialen Brennpunkt, wurden unter Präsident Emmanuel Macron 53 Schulen renoviert und drei völlig neu errichtet. Landesweit geben die Regionen, die für die Oberschulen zuständig sind, jährlich etwa acht Milliarden Euro aus. Die Île-de-France, wo die Protestbewegung ihren Anfang nahm, hat für 2026 ein Budget von 1,9 Milliarden Euro für ihre Gymnasien vorgesehen – fast 4000 Euro pro Schüler. Ein Gymnasium in Nantes, das 2014 eröffnet wurde und mit moderner Computertechnik und Kletterwänden ausgestattet ist, wurde durch Brandstiftung protestierender Schüler zerstört und bleibt bis zu den Herbstferien geschlossen. Der Philosoph Alexis de Tocqueville hätte dies vielleicht erkannt: Nicht blanke Armut, sondern eine relativ verbesserte Lage schürt die Neigung zur Revolution.

Doch hinter den Protesten stecken reale Probleme, die Geld allein nicht löst. Eine frühe Hitzewelle, die Ende Mai begann und bis zu den Sommerferien andauerte, machte das Lernen unerträglich. In vielen Klassenzimmern stiegen die Temperaturen über 35 Grad Celsius. Klimaanlagen gibt es nur in Ausnahmefällen. Mehr als 70 Prozent der französischen Schulgebäude sind älter als 50 Jahre, viele ohne Jalousien oder Verdunklungsmöglichkeiten, schlecht isoliert. Die ehemalige Bildungsministerin Ségolène Royal deutete an, dass die protestierenden Schüler die Klimakatastrophe am eigenen Leib erfahren haben und die Regierung zum Handeln bewegen wollen.

Die Regierung aber konzentrierte sich hauptsächlich auf die Durchsetzung eines Handyverbots, das seit Anfang September auch für die Oberstufe gilt. Die Protestbewegung, die in dem benachteiligten Vorort Créteil bei Paris begann, erfasste schnell auch Schulen in wohlhabenderen Gegenden. Ryad Rani, Vorsitzender der gewerkschaftsähnlich organisierten Union syndicale lycéenne, fordert eine Erhöhung der Bildungschancen für alle und die Behebung des Lehrermangels. Scharf kritisiert wird auch das neue Auswahlverfahren für Studienplätze über die Plattform Parcoursup, bei dem Algorithmen die Vergabe regeln und Misstrauen schüren.

Die Schüler fühlen sich als verlorene Generation, die für den Niveauverlust des französischen Bildungssystems bezahlen muss. In der PISA-Studie von Anfang September erzielte Frankreich seine schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000. Das Land verharrt zwar im OECD-Durchschnitt, verzeichnet aber einen deutlichen und kontinuierlichen Leistungsabfall.

Dies widerspricht den Zielen von Macrons Bildungsreformen. Das zentrale Abitur mit naturwissenschaftlichem oder literarischem Zweig wurde abgeschafft, und nach deutschem Vorbild wurden Leistungskurse in der Oberstufe eingeführt. Das Ergebnis: viel mehr Kombinationsmöglichkeiten, komplexere Stundenpläne und eine große Zahl von Freistunden für einzelne Schüler. Die Präsenzzeiten an der Schule haben sich dadurch stark verlängert, ohne dass der erhoffte Leistungszuwachs eingetreten ist.

Der Lehrermangel verschärft die Lage. Die Lehrerausbildung wurde auf ein Minimum reduziert, die Zugangskriterien gelockert. Doch die im Vergleich zu Deutschland geringen Gehälter und schwierigen Bedingungen führen dazu, dass besonders in Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften Lehrerkandidaten fehlen. Unterrichtsausfälle bei Krankschreibungen werden oft nicht kompensiert. Frankreich gibt jährlich etwa 85 Milliarden Euro für sein Bildungssystem aus – mehr als für Verteidigung. Das Land hat eine allgemeine Vorschulpflicht ab drei Jahren mit kostenlosen Écoles maternelles. Schulanfänger in sozialen Brennpunktvierteln lernen in der 1. und 2. Klasse in Kleingruppen von maximal zwölf Schülern. Diese Förderung setzt sich in der Mittelstufe im prioritären Bildungsnetzwerk fort. Doch während das System viel Geld kostet und viel verspricht, erleben die Schüler täglich, dass es nicht hält, was es verspricht.

Die derzeit protestierenden Oberschüler hätten die Klimakatastrophe am eigenen Leib erfahren und wollten bewirken, dass die Regierung vor der nächsten Hitzewelle handele.
— Ségolène Royal, ehemalige Bildungsministerin
Der Schülerverband fordert, die Bildungschancen für alle zu erhöhen und den Lehrermangel zu beheben.
— Ryad Rani, Vorsitzender der Union syndicale lycéenne
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