Randalierer mit französischem Pass fühlen sich dem Gemeinwesen nicht verpflichtet und sind in einer nihilistischen Gegenkultur der Gewaltverherrlichung verankert. Das Schulwesen scheitert seit Jahrzehnten bei der Integration von Einwanderungskindern; Macrons Reformversuche scheitern an Budgetkürzungen der Minderheitsregierung.
Frankreichs gescheiterte Integration: Gewalt statt Chancen
Sie tragen französische Pässe, aber fühlen sich nicht verpflichtet
Warum ist das Schulversagen so zentral für diese Geschichte? Es geht doch um Gewalt in den Straßen.
Weil die Gewalt nicht aus dem Nichts kommt. Diese jungen Menschen sind in einem System aufgewachsen, das sie von Anfang an im Stich gelassen hat. Wenn du keine Chancen siehst, wenn die Schule dich nicht erreicht, wenn die Gesellschaft dir sagt, dass du nicht dazugehörst – dann ist es leicht, in eine Gegenkultur abzurutschen, die Gewalt verherrlicht.
Aber das ist eine Erklärung, keine Entschuldigung. Und ich möchte präzise sein: Der Text sagt, dass das Schulwesen "nicht gewachsen" ist – aber das ist eine Umschreibung. Konkret: Es fehlte Geld und politischer Wille. Das ist eine politische Entscheidung, keine unvermeidbare Realität.
Genau. Macron hat versucht, das zu ändern – die kleineren Klassen, die Lehrstelleninitiative. Aber dann kam die Sparmaßnahmen.
Wer trägt die Verantwortung? Macron? Die Minderheitsregierung? Die Wähler, die an früher Rente festhalten?
Das ist die unbequeme Antwort: alle zusammen. Aber der Text ist klar, dass die Wähler – eine Mehrheit – an einem System festhalten, das sich selbst widerspricht. Du kannst nicht gleichzeitig Integration fordern und die Mittel dafür ablehnen.
Und die Schüler zahlen den Preis. Die friedlichen Protestierenden werden von Randalierern delegitimiert, ihre Forderungen verschwinden aus der Debatte.
Ist das absichtlich? Nutzen die Randalierer die Proteste bewusst als Vorwand?
Der Text sagt, dass sie die Proteste als Vorwand nutzen – aber ob das bewusst kalkuliert ist oder einfach eine Gelegenheit, die sie ergreifen, bleibt offen. Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Was klar ist: Sie fühlen sich nicht als Teil dieser Gesellschaft. Sie haben französische Pässe, aber das bedeutet ihnen nichts. Das ist das eigentliche Versagen.
Il Polso
- Schwere Unruhen in Paris und Marseille – schlimmste seit Herbst 2005
- Randalierer überwiegend dritte Einwanderergeneration, als Franzosen geboren
- Macrons Schulreformen (kleinere Klassen, Lehrstelleninitiative) durch Budgetkürzungen der Minderheitsregierung gekürzt
- Generationenkonflikt: Wählermehrheit hält an frühem Renteneintritt fest, blockiert Bildungsinvestitionen
Randalierer mit französischem Pass fühlen sich dem Gemeinwesen nicht verpflichtet und sind in einer nihilistischen Gegenkultur der Gewaltverherrlichung verankert. Das Schulwesen scheitert seit Jahrzehnten bei der Integration von Einwanderungskindern; Macrons Reformversuche scheitern an Budgetkürzungen der Minderheitsregierung.
Schwere Unruhen in französischen Innenstädten offenbaren das Scheitern des republikanischen Integrationsmodells. Eine verrohte Minderheit der dritten Einwanderergeneration nutzt legitime Schülerproteste als Vorwand für Gewalt.
Emmanuel Macron stand vor einer Nation, die sich selbst zerstörte, und konnte nur eine Frage stellen: Wie können Franzosen Frankreich so etwas antun? Die Antwort, die er seinen Bürgern schuldete, lag in einer Geschichte von Versprechen, die nicht eingelöst wurden, und von einer Gesellschaft, die ihre jüngsten Generationen aufgegeben hat.
Die Unruhen, die Paris und Marseille heimsuchten, waren die schlimmsten seit dem Herbst 2005, als die Vorstädte brannten. Damals richtete sich die Wut der Banlieue-Jugend gegen ihre unmittelbare Umgebung – Autos, Schulen, Geschäfte gingen in Flammen auf. Zwei Jahrzehnte später hat sich etwas Fundamentales verschoben. Die Randalierer, die sich in mobilen Banden durch die Innenstädte bewegen, sind größtenteils als Franzosen geboren. Sie tragen französische Pässe. Aber sie fühlen sich dem französischen Gemeinwesen nicht im Geringsten verpflichtet. Sie sind in einer nihilistischen Gegenkultur der Gewaltverherrlichung verankert, überwiegend Angehörige der dritten Einwanderergeneration, deren politische Sozialisation – soweit sie stattfand – der Linkspartei La France Insoumise überlassen wurde, die Frankreich als unverbesserlichen Kolonialstaat darstellt.
Das Tragische liegt darin, dass diese Randalierer legitime Schülerproteste als Vorwand missbrauchen. Die Oberschüler kämpfen für bessere Lernbedingungen, und zwischen ihnen besteht eine ungewöhnliche Solidarität – Jugendliche aus den Banlieue-Gymnasien stehen Seite an Seite mit Schülern aus den wohlhabenden Vierteln. Aber ihre Anliegen werden von der Gewalt erstickt. Die Ausschreitungen monopolisieren die Aufmerksamkeit, während die lernwillige Vorstadtjugend, die um Bildungschancen kämpft, mundtot gemacht wird.
Die Minderheitsregierung hat diese Eskalation selbst herbeigeführt, indem sie die legitimen Forderungen ignorierte und eine Strategie des Aussitzens bis zu den Herbstferien wählte. Aber dahinter liegt ein tieferes Versagen: Das französische Schulwesen ist seit Jahrzehnten der Herausforderung durch Einwanderermassen aus den früheren Kolonien in Nord- und Schwarzafrika nicht gewachsen. Das republikanische Integrationsmodell ist gescheitert, weil es an Geld und politischem Willen fehlte. Qualifizierte Lehrer wurden nicht in die Sozialbauviertel geholt. Die Startchancen für jene Schüler, die besondere Förderung brauchten, wurden nicht verbessert. Bereits vor mehr als zwanzig Jahren legten Lehrer Zeugnis ab über die verlorenen Territorien der Republik in der Banlieue.
Macron hat versucht, gegenzusteuern. Seine Initiative, Klassenstärken in der Grundschule zu halbieren, um Einwanderungskindern Lese-, Schreib- und Grundrechenkenntnisse beizubringen, war löblich. Seine Lehrstelleninitiative holte viele junge Menschen in Ausbildung. Aber die hochverschuldete Minderheitsregierung unter Premierminister Sébastien Lecornu hat sich zu Kürzungen bei der Lehrstellenförderung entschlossen. Das Land kann sich diese Ausgaben nicht mehr leisten – nicht solange eine Wählermehrheit an frühem Renteneintritt und kurzer Wochenarbeitszeit festhält. Im Präsidentschaftswahlkampf ist dieses Thema tabu. Marine Le Pen, die Umfragefavoritin, wiegt die Wähler im Glauben, dass eine Rückkehr zur Rente mit 60 möglich sei. Ein Generationenkonflikt hat sich entzündet, und bislang wurde er stets zugunsten der Älteren entschieden.
Innerhalb eines Monats zeigte Paris die beiden Gesichter einer zerrissenen Einwanderungsgesellschaft. Friedliche Menschenmassen bei der Papstmesse auf dem Concorde-Platz und den Champs-Élysées wurden am Wochenende von einem wütenden Mob abgelöst. Gérard Collomb, Macrons erster Innenminister, hatte bei seinem Rücktritt 2018 vor genau dieser Entwicklung gewarnt. "Heute lebt man Seite an Seite", sagte der verstorbene Sozialist, "ich befürchte, dass man sich morgen von Angesicht zu Angesicht im Konflikt gegenübersteht." Die Spaltung Frankreichs schreitet voran, und die Präsidialdemokratie erweist sich als zu schwach, um die Spannungen zwischen Generationen und sozialen Schichten zu kanalisieren.
Citazioni salienti
Heute lebt man Seite an Seite . . . ich befürchte, dass man sich morgen von Angesicht zu Angesicht im Konflikt gegenübersteht— Gérard Collomb, ehemaliger Innenminister, bei seinem Rücktritt 2018