Schülerproteste gegen Unterrichtsausfälle und schlechte Schulgebäude eskalieren, während die Regierung einen Sparhaushalt mit 54 Milliarden Euro Einsparungen plant. Frankreich zahlt bereits 74 Milliarden Euro jährlich für Zinsen – mehr als für Schulbildung oder Verteidigung – weil die Finanzierungskosten stark gestiegen sind.
Frankreich im Dilemma: Sparhaushalt trifft auf Protestwelle
74 Milliarden Euro für Zinsen – mehr als für Schulen oder Verteidigung
Warum ist das französische Problem so viel schlimmer als das anderer europäischer Länder?
Frankreich hat sich über Jahre daran gewöhnt, hohe Schulden zu niedrigen Zinsen zu finanzieren. Jetzt muss es alte Anleihen durch teurere ersetzen – 74 Milliarden Euro jährlich nur für Zinsen. Das ist mehr als der gesamte Schulbildungsetat.
Aber die Schuldenquote ist das eine. Das andere ist die politische Lähmung. Lecornu hat keine Mehrheit im Parlament. Wie soll ein Sparhaushalt verabschiedet werden, wenn die Opposition vor Wahlen keine Sparmaßnahmen unterstützen will?
Also ist der Haushalt bereits gescheitert, bevor er abstimmt?
Nicht unbedingt. Es gibt noch Verhandlungen. Aber Luke hat recht – der Wahlkampf steht unter Marktbeobachtung. Die Investoren wollen Glaubwürdigkeit sehen, aber die Opposition will Wahlen gewinnen.
Und die Schüler protestieren, weil der Bildungsetat zwar um 1,2 Milliarden Euro steigt, aber die Schülerzahl um 1,7 Millionen sinkt. Das ist mathematisch ein Rückgang pro Schüler.
Also ist das Geldproblem auch ein Strukturproblem?
Genau. Keller sagt, dass Geld nur ein Teil ist. Es geht um die grundsätzliche Ausrichtung des Bildungssystems, um Prioritäten.
Aber wir sollten vorsichtig sein: Wir wissen, dass die Schuldenquote 119 Prozent beträgt und dass die Zinsen gestiegen sind. Wir wissen nicht, ob ein Sparhaushalt tatsächlich die Schuldenquote senkt oder ob er die Wirtschaft so sehr bremst, dass das Defizit wächst.
Das ist das klassische Dilemma der Austerität.
Und in Frankreich passiert es nicht in einem Seminar, sondern auf der Straße, mit Ausschreitungen und dem Risiko einer neuen Bewegung wie die Gelbwesten.
Le Pouls
- Schülerproteste gegen Unterrichtsausfälle und marode Schulgebäude seit fast zwei Wochen
- Sparhaushalt mit 54 Milliarden Euro Einsparungen geplant, davon 5,5 Milliarden bei Renten
- Frankreich zahlt 74 Milliarden Euro jährlich für Zinsen auf Staatsanleihen
- Staatsschuldenquote bei 119 Prozent der Wirtschaftsleistung (Deutschland: 64 Prozent)
- Regierung hat keine Mehrheit im Parlament; Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2027
Schülerproteste gegen Unterrichtsausfälle und schlechte Schulgebäude eskalieren, während die Regierung einen Sparhaushalt mit 54 Milliarden Euro Einsparungen plant. Frankreich zahlt bereits 74 Milliarden Euro jährlich für Zinsen – mehr als für Schulbildung oder Verteidigung – weil die Finanzierungskosten stark gestiegen sind.
Frankreichs Regierung unter Premierminister Lecornu muss Milliarden sparen, während Schüler gegen marode Schulen protestieren. Das Land steht unter EU-Defizitverfahren und kämpft mit steigenden Zinsen für seine hohe Staatsverschuldung.
Premierminister Sébastien Lecornu sitzt in einem Schachzug fest, den er nicht gewinnen kann. Seit fast zwei Wochen gehen Schüler in Frankreich auf die Straße, um gegen fehlende Unterrichtsstunden, überfüllte Klassenzimmer und verfallende Schulgebäude zu protestieren. Die Demonstrationen sind inzwischen von schweren Ausschreitungen geprägt. Am Sonntagabend reagierte Lecornu mit einem Brief an mehrere Minister und forderte konkrete Lösungen: schnellere Kompensation von Unterrichtsausfällen, klimafeste Schulgebäude, mehr Transparenz beim Hochschul-Zulassungsverfahren Parcoursup. Erste Maßnahmen mit Finanzierung und Zeitplan sollen noch im Oktober folgen. Doch während der Premierminister den Jugendlichen mehr staatliche Leistungen verspricht, muss seine Regierung dem Land gerade einen massiven Sparhaushalt aufzwingen.
Die Regierung brachte ihren Haushaltsentwurf für 2027 ins Parlament ein. Das Staatsdefizit soll von erwarteten 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr auf fünf Prozent sinken. Dafür sind Einsparungen und zusätzliche Einnahmen in Milliardenhöhe notwendig. Frankreich unterliegt bereits einem EU-Defizitverfahren und muss das Haushaltsloch wieder in Richtung der europäischen Drei-Prozent-Grenze drücken. Insgesamt plant Paris, den Haushalt um rund 54 Milliarden Euro zu entlasten – durch Kürzungen beim Staat selbst, bei den Gebietskörperschaften und im Sozialbereich. Bei den Renten sind Einsparungen von etwa 5,5 Milliarden Euro vorgesehen; auch das Gesundheitswesen soll gekürzt werden. Eileen Keller vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg erklärt, dass dieser Sparhaushalt zugleich ein Signal an die Finanzmärkte ist: Die Regierung wolle zeigen, dass sie zu ihrer Verantwortung steht und einen Weg zum Defizitabbau aufzeigt.
Doch ob dieser Haushalt überhaupt verabschiedet wird, ist völlig offen. Lecornus Regierung verfügt über keine eigene Mehrheit im Parlament und ist auf Stimmen der Opposition angewiesen. Vor den Präsidentenwahlen im Frühjahr 2027 ist ein Sparhaushalt für die Opposition noch unattraktiver als ohnehin schon. Das Bildungsbudget soll zwar um rund 1,2 Milliarden Euro steigen, doch die Regierung rechnet bis 2035 mit etwa 1,7 Millionen Schülern weniger. Für Keller zeigt dieser Widerspruch, dass Geld nur ein Teil des Problems ist. Die Unzufriedenheit betreffe auch die grundsätzliche Ausrichtung des Bildungssystems und die Prioritätensetzung – etwa beim Übergang von der Schule an die Hochschulen.
Das eigentliche Dilemma Frankreichs liegt jedoch auf den Finanzmärkten. Jahrelang konnte sich das Land hohe Schulden zu vergleichsweise niedrigen Zinsen leisten. Diese Zeiten sind vorbei. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen ist stark gestiegen. Der Zinsabstand zu deutschen Bundesanleihen stieg zeitweise auf rund 1,5 Prozentpunkte – den höchsten Stand seit der Euro-Schuldenkrise 2011. Die Wirtschaftszeitung Les Échos titelte, das Land befinde sich im "Auge des Zyklons". Mit rund 119 Prozent der Wirtschaftsleistung ist Frankreich fast doppelt so hoch verschuldet wie Deutschland, dessen Schuldenquote bei rund 64 Prozent liegt. Alte Staatsanleihen, die noch zu sehr niedrigen Zinsen aufgenommen wurden, müssen zunehmend durch neue und teurere ersetzt werden.
Die Folgen sind im Haushalt 2027 deutlich sichtbar. Mit rund 74 Milliarden Euro muss der Staat mehr für Zinsen aufbringen als er für Schulbildung oder Verteidigung ausgeben kann. Nach Angaben von Finanzminister Roland Lescure verschlingen die Zinszahlungen damit bereits mehr als die Hälfte des gesamten Haushaltsdefizits. Für Keller ist deshalb entscheidend, dass Frankreich von den Investoren weiterhin als glaubwürdiger Schuldner wahrgenommen wird – eine Glaubwürdigkeit, die inzwischen nicht nur von Wirtschaftsdaten abhängt.
Im Frühjahr 2027 wählen die Franzosen einen neuen Präsidenten. Der sich intensivierende Wahlkampf steht unter der Beobachtung der Finanzmärkte. Keller beziffert den Konsolidierungsbedarf je nach Berechnung auf 75 bis 160 Milliarden Euro. Aus Sicht der Märkte wäre ein politischer Konsens über die Notwendigkeit der Konsolidierung hilfreich. Doch Klarheit ist nicht in Sicht. Wie die Lasten in Zukunft verteilt werden, dürfte stattdessen zu einer zentralen Streitfrage des Wahlkampfs werden.
Frankreich ist ein besonders zugespitzter Fall, doch auch in vielen anderen europäischen Staaten gibt es derzeit ein Ringen um Haushaltskonsolidierung. Europa will mehr für Verteidigung ausgeben, seine Infrastruktur modernisieren und in die Energiewende investieren. Die Erwartungen der Bürger an Bildung, Rente und Gesundheitsversorgung werden gleichzeitig nicht kleiner. In Frankreich lässt sich dieser Konflikt derzeit beinahe in Echtzeit beobachten. Es geht nicht nur darum, ob die Regierung Antworten auf die Forderungen der Jugendlichen findet, sondern auch, ob es gelingt, eine weitere Eskalation der Gewalt zu verhindern. Eine neue breite soziale Bewegung wie einst bei den Gelbwesten gilt in Paris als Schreckgespenst. Für Premierminister Lecornu werden die kommenden Tage zur großen Bewährungsprobe.
Citations marquantes
Es ist ein Sparhaushalt, der zugleich ein Signal an die Finanzmärkte ist – die Regierung wolle zeigen, dass sie zu ihrer Verantwortung steht.— Eileen Keller, Deutsch-Französisches Institut
Geld ist nur ein Teil des Problems. Die Unzufriedenheit betreffe auch die Prioritätensetzung und die grundsätzliche Ausrichtung des Bildungssystems.— Eileen Keller, Deutsch-Französisches Institut