Brasilien steht vor einer Entscheidung, die weit über eine einzelne Wahl hinausreicht: Flávio Bolsonaro bewirbt sich in der Stichwahl um das höchste Staatsamt, und sein Antrieb ist weniger ein eigenes politisches Programm als die Sehnsucht, den inhaftierten Vater wieder in die Mitte der Macht zu holen. Wer den Namen trägt, trägt auch die Schatten einer Familie, deren politischer Aufstieg eng mit dem Rio de Janeiro der Seilschaften und Milizen verflochten ist. So fällt die Wahl in ein Land, das seine Institutionen gegen den Druck eines Familienprojekts verteidigen muss, das sich selbst als Erne
Flávio Bolsonaro: Der Sohn als Erbe, der Vater als Versprechen
Sein wichtigstes Kapital bleibt der Name Bolsonaro
Flávio will Präsident werden und seinen Vater aus der Haft holen. Ist das wirklich das Kernversprechen?
Ja, es ist die Kernbotschaft seiner Kampagne. Er sagt es bei Auftritten immer wieder, etwa in Porto Alegre, wo er von der gemeinsamen Rampe zum Präsidentenpalast sprach.
Wichtig ist: Jair wurde vom Obersten Gericht zu mehr als 27 Jahren verurteilt. Dass er freikäme, ist eine Erwartung, kein Beschluss. Der Text sagt, kaum jemand zweifle daran, mehr nicht.
Flávio gilt als moderater als sein Vater. Stimmt das?
Im Ton ja, er spricht weniger aggressiv. Julián Lemos, einst Vertrauter der Familie, sagt aber, es gebe keine gemäßigten Bolsonaros.
Lemos ist ein Ex-Verbündeter, der mit der Familie gebrochen hat. Das ist eine gewichtige, aber auch eine interessengeleitete Stimme.
Und die Vorwürfe gegen Flávio?
Es geht um einbehaltene Gehälter von rund zwei Millionen Euro, um Korruption, Geldwäsche und mögliche Milizkontakte. Er bestreitet alles.
Das sind Ermittlungen und Vorwürfe, keine Urteile. Das Gehälterverfahren wurde wegen Verfahrensfehlern eingestellt. Und dass die Fälle bei einem Sieg verschwänden, ist Muggahs Einschätzung, nicht gesichert.
Warum wählen ihn trotzdem so viele?
Auch wegen der starken Ablehnung gegenüber Lula und der Arbeiterpartei, wie dal Piva und der Unternehmer Vilaba erklären.
Offen bleibt, ob Flávio ohne den Namen seines Vaters trägt. Das zeigt erst das Ergebnis.
Le Pouls
- Ein Kandidat wirbt mit der Freilassung des Vaters, der wegen eines versuchten Putsches zu über 27 Jahren Haft verurteilt wurde.
- Gegen Flávio Bolsonaro laufen Ermittlungen wegen Gehaltsunterschlagung, Korruption, Geldwäsche und möglicher Nähe zu Milizen, alle Vorwürfe weist er zurück.
- Kritiker warnen, dass ein Wahlsieg die Verfahren schnell zum Verschwinden bringen könnte und die Rechtsstaatlichkeit auf dem Spiel steht.
- Die Stichwahl wird zeigen, ob der Bolsonarismo ohne den Vater an der Spitze tragfähig bleibt oder allein am Familiennamen hängt.
Brasilien steht vor einer Entscheidung, die weit über eine einzelne Wahl hinausreicht: Flávio Bolsonaro bewirbt sich in der Stichwahl um das höchste Staatsamt, und sein Antrieb ist weniger ein eigenes politisches Programm als die Sehnsucht, den inhaftierten Vater wieder in die Mitte der Macht zu holen. Wer den Namen trägt, trägt auch die Schatten einer Familie, deren politischer Aufstieg eng mit dem Rio de Janeiro der Seilschaften und Milizen verflochten ist. So fällt die Wahl in ein Land, das seine Institutionen gegen den Druck eines Familienprojekts verteidigen muss, das sich selbst als Erneuerung inszeniert.
Auf jeder Wahlkampfbühne ist Jair Bolsonaro präsent, selbst wenn er fehlt. Mal als KI-generierte Figur im Video, mal als Porträt, das sein Sohn Flávio in die Höhe hält. Der Vater, sagt Flávio, fließe ihm im Blut. Heute steht er als Kandidat dieses Vaters in der Stichwahl.
Seine Kernbotschaft ist einfach: Er wolle das Präsidentenamt gemeinsam mit Jair antreten. In Porto Alegre malte er das Bild, wie er mit dem Vater die Rampe zum Präsidentenpalast hinaufgeht. Die Freilassung des Verurteilten ist damit das Herzstück seiner Kampagne, auch wenn das Oberste Gericht Jair Bolsonaro wegen eines versuchten Putsches nach der Niederlage gegen Lula zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt hat. Niemand zweifelt daran, dass der Vater im Hintergrund die Fäden zöge, sollte der Sohn gewinnen.
Flávio gibt sich als Außenseiter, doch Beobachter wie die Journalistin Juliana dal Piva sehen darin eine Inszenierung: Er wolle die Familie politisch retten und deren radikalen Kurs fortsetzen. Er stützt sich auf dieselben Gruppen wie der Vater, verspricht Haushaltsdisziplin und Steuersenkungen und sucht die Nähe zur MAGA-Bewegung. Anders als der Vater tritt er moderater auf, doch Ex-Abgeordnete wie Julián Lemos, der mit der Familie brach, halten diesen Eindruck für trügerisch: Jair sei authentisch, Flávio gerissener.
Sein Weg führte über das Landesparlament von Rio de Janeiro, wo die Verflechtung von Politik und Unterwelt besonders eng gilt. Gegen ihn laufen Ermittlungen wegen einbehaltener Angestellten-Gehälter, Korruption und Geldwäsche. Das Verfahren zu den Gehältern wurde nach dem Austausch des zuständigen Bundespolizeichefs eingestellt, was Fragen aufwirft. Zudem wird geprüft, ob Gelder aus seinem Büro an einen verurteilten Milizionär flossen, der am Mord an der Stadträtin Marielle Franco beteiligt war. Robert Muggah warnt, dass viele dieser Fälle bei einem Sieg rasch verschwinden könnten.
Doch seine Wähler scheinen davon wenig beeindruckt. Viele Brasilianer sind von der Arbeiterpartei und besonders von Lula enttäuscht. Ob Flávio sich als eigenständiger Machtpolitiker etablieren kann, bleibt offen. Vorerst bleibt sein wichtigstes Kapital der Name Bolsonaro.
Auf jeder Wahlkampfbühne ist Jair Bolsonaro dabei, auch wenn er nicht dort ist. Mal erscheint er als KI-Version in einem Video, mal hält sein Sohn Flávio Porträts und Banner mit dem Gesicht des Vaters in die Höhe. Der Vater, sagt Flávio und klopft sich auf den Unterarm, fließe ihm im Blut. Bei der heutigen Stichwahl in Brasilien tritt er als Kandidat des Vaters an.
Seine Botschaft wiederholt er unablässig: Er wolle sein Amt gemeinsam mit Jair antreten. Vor wenigen Tagen rief er in Porto Alegre ins Publikum, wer Bolsonaro lebendig begraben wollte, werde sehen, wie er die Rampe zum Präsidentenpalast mit Jair hinaufgehe. Die Freilassung des Vaters ist damit der Kern seiner Kampagne. Dem stehen juristische Hürden entgegen: Das Oberste Gericht hat Jair Bolsonaro zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt, wegen eines versuchten Putsches nach der Wahlniederlage gegen den amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Kaum jemand zweifelt jedoch daran, dass der Vater freikäme und im Hintergrund die Fäden zöge, sollte „Null Eins“ Präsident werden. So nannte der militärisch geprägte Jair seinen ältesten Sohn, er nummerierte seine Söhne durch. Alle vier sind in der Politik, ebenso Jairs Bruder und seine Ehefrau.
Wie Donald Trump in den USA oder Javier Milei in Argentinien gibt sich Flávio als Außenseiter und Anti-Establishment-Politiker. Die Investigativjournalistin Juliana dal Piva, die sich auf die Bolsonaro-Bewegung spezialisiert hat, hält das Gegenteil für zutreffend: Er kandidiere nur, um Vater und Familie politisch zu retten, damit sie an die Macht zurückkehren und ihren Kurs der vergangenen vier Jahre noch radikaler fortsetzen. Der 45-jährige Senator für Rio de Janeiro stützte sich schon im ersten Wahlgang auf dieselben Gruppen wie sein Vater: einflussreiche Landwirte, Großunternehmer und Evangelikale. Er verspricht Haushaltsdisziplin und Steuersenkungen, pflegt enge Beziehungen zur MAGA-Bewegung und hat den erstarkenden Drogenbanden den Krieg angekündigt.
Flávio sieht dem Vater ähnlich und war während dessen Präsidentschaft ein enger Berater, das Charisma fehlt ihm aber. Dafür spricht er weniger aggressiv als der für rassistische, homophobe und frauenfeindliche Äußerungen bekannte Ex-Präsident. Der Eindruck des Moderaten täusche, warnt Julián Lemos, ehemaliger Bundesabgeordneter, der 2018 Jairs Kampagne mitorganisierte und später mit der Familie brach: Es gebe keine gemäßigten Bolsonaros. Jair sei authentischer, Flávio dagegen gerissener.
Sein Aufstieg begann in Rio de Janeiro, wo die Verbindungen zwischen Politik und Unterwelt als besonders eng gelten. Alle noch lebenden Gouverneure, die dort seit dem Ende der Diktatur direkt gewählt wurden, waren oder sind mit Verfahren konfrontiert, fünf saßen im Gefängnis. Von 2003 bis 2019 war Flávio Abgeordneter im Landesparlament, eher Hinterbänkler, aber guter Netzwerker. Er soll einen Großteil der Gehälter seiner Angestellten einbehalten haben, umgerechnet rund zwei Millionen Euro. Der Chef der Bundespolizei, der den Fall untersuchte, wurde unter Präsident Jair ausgetauscht, das Verfahren wegen Verfahrensfehlern eingestellt. Hinzu kommen Ermittlungen wegen Korruption, Geldwäsche und Vorteilsnahme. Flávio bestreitet sämtliche Vorwürfe.
Zu möglichen Verbindungen der Bolsonaros zu Milizen, kriminellen Banden überwiegend aus Ex-Polizisten, die ganze Stadtviertel kontrollieren, gab es in den vergangenen Jahren zahlreiche Recherchen. Robert Muggah, Mitgründer des Igarapé-Instituts, erinnert daran, dass Flávio über das Landesparlament bekannten Milizangehörigen Auszeichnungen als „herausragende Bürger“ verlieh. Derzeit prüft die Bundespolizei, ob Gelder aus seinem Senatsbüro zweckwidrig an einen Milizionär flossen, der wegen Mittäterschaft am Mord an der Stadträtin Marielle Franco 2018 verurteilt wurde. Zudem wird seine Rolle im Fall „Dark Horse“ untersucht, bei dem es um einen Film über seinen Vater geht: Er soll bei einem inzwischen inhaftierten Banker um Millionenbeträge geworben haben, der im Zentrum des größten Finanzbetrugsskandals der jüngeren Geschichte Brasiliens steht. Auch das weist er zurück. Muggah erwartet, dass viele dieser Fälle bei einem Sieg schnell verschwinden würden, was alle beunruhigen müsse, denen Rechtsstaatlichkeit am Herzen liege.
Seine Wähler schreckt das offenbar nicht. Dal Piva verweist auf die große Ablehnung der Arbeiterpartei und besonders Lulas, von der der Bolsonarismo profitiere. In Porto Alegre sagte der 60-jährige Unternehmer Luis Henrique Vilaba, die Partei habe keine Legitimität mehr zu regieren, es gebe zu viele Lügen, zu viel Diebstahl, zu viele Skandale. Flávio manage die Geschäfte der Familie, so dal Piva, ob er sich aber als eigenständiger Machtpolitiker etablieren kann, sei offen. Sein wichtigstes Kapital bleibt der Name Bolsonaro, zumindest für seine Anhänger.
Citations marquantes
Es gibt keine gemäßigten Bolsonaros.— Julián Lemos, ehemaliger Bundesabgeordneter
Flávio kandidiere nur, um seinen Vater und seine Familie politisch zu retten.— Juliana dal Piva, Investigativjournalistin