Angela Merkel verlor 2008 das Vertrauen in die Finanzbranche nach der Hypo Real Estate-Krise und wollte ihr danach nichts Gutes tun. Versorgungswerke tätigten hochriskante und teilweise unprofessionelle Investitionen; die Berliner Zahnärzte-Versorgung und die Bayerische Versorgungskammer verzeichnen erhebliche Verluste.
Finanzbranche muss Vertrauen durch Transparenz zurückgewinnen
Die Finanzbranche sollte mit diesem Vertrauensvorschuss sorgsam umgehen
Warum ist dieses Altersvorsorgedepot eigentlich so wichtig? Es klingt wie eine technische Regelung.
Weil es das erste Mal seit der Finanzkrise ist, dass die Politik der Finanzbranche wieder vertraut. Merkel hat dieses Vertrauen 2008 verloren und wollte es nie zurückgeben. Das hat Reformen blockiert.
Aber warum sollte die Politik jetzt wieder vertrauen? Die Versorgungswerke spekulieren gerade wieder mit Millionen.
Genau das ist das Dilemma. Die Politik hofft, dass einfache Strukturen wie ETF-Sparpläne funktionieren. Aber die Branche hat nicht wirklich bewiesen, dass sie gelernt hat.
Was passiert mit den Menschen, deren Versorgungswerk Geld verliert?
Sie tragen die Verluste selbst. Es gibt kein Auffangnetz. Das trifft Ärzte, Apotheker, Architekten – Freiberufler, die dachten, ihre Altersvorsorge sei sicher.
Und die Aufsicht? Wer kontrolliert das?
Die Länder. Das ist das Problem. Es ist dezentralisiert, schwach, nicht wie die Bafin.
Also könnte das Altersvorsorgedepot scheitern, wenn die Branche wieder Fehler macht?
Ja. Und dann ist das Vertrauen für Jahrzehnte weg.
Aber es gibt auch Länder, die es richtig machen – Norwegen, Schweden. Das zeigt, dass es möglich ist.
Genau. Es geht nicht um Kapitalmarkt ja oder nein. Es geht um Transparenz und einfache Strukturen statt Komplexität.
Il Polso
- Angela Merkel verlor 2008 das Vertrauen in die Finanzbranche nach der Hypo Real Estate-Krise
- Versorgungswerke verzeichnen Verluste von 853 Millionen Euro durch US-Immobilienspekulationen
- Das Altersvorsorgedepot startet im Januar und ermöglicht einfache ETF-Sparpläne
- Mitglieder von Versorgungswerken tragen Verluste selbst – es gibt kein Auffangnetz
Angela Merkel verlor 2008 das Vertrauen in die Finanzbranche nach der Hypo Real Estate-Krise und wollte ihr danach nichts Gutes tun. Versorgungswerke tätigten hochriskante und teilweise unprofessionelle Investitionen; die Berliner Zahnärzte-Versorgung und die Bayerische Versorgungskammer verzeichnen erhebliche Verluste.
Die Regierung gibt der Finanzbranche mit dem neuen Altersvorsorgedepot einen großen Vertrauensvorschuss, doch Fehlspekulationen von Versorgungswerken zeigen, dass die Branche ihre Lektionen aus der Finanzkrise noch nicht gelernt hat.
Im Herbst 2008 passierte etwas, das die deutsche Regierung nicht vergessen hat. Die Investmentbank Lehman Brothers kollabierte in den USA, und kurz darauf geriet die Münchener Hypo Real Estate in ernsthafte Schwierigkeiten. Bundeskanzlerin Angela Merkel war überrascht und verärgert. Ein Dax-Konzern, und sie war nicht ausreichend informiert worden. Sie fühlte sich hintergangen. Dieses Moment prägte ihre Sicht auf die Finanzbranche für Jahre. Noch lange danach sprach Merkel davon, dass das Vertrauen nicht vollständig zurückgekehrt sei. Sie wollte, dass Banken sich selbst als Dienerin eines größeren Systems verstehen würden, nicht als Profitmaximierer auf eigene Rechnung.
Diese Skepsis erklärte auch, warum Merkels Regierungen – ob mit der FDP oder der SPD – über viele Jahre hinweg keine grundlegende Reform der Altersvorsorge in Angriff nahmen, obwohl sie offensichtlich nötig war. Die Kanzlerin wollte jenen, die sie so enttäuscht hatten, keinen Gefallen tun. Erst nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt, fünf Jahre später, bewegte sich etwas. Christian Lindner als Finanzminister der FDP bereitete mehr Kapitalmarkt in der Altersvorsorge gesetzlich vor. Die Regierung Merz setzt das nun um. Das neue Altersvorsorgedepot soll ab Januar für die arbeitende Bevölkerung zugänglich sein.
Doch genau in diesem Moment, da die Politik der Finanzbranche wieder Vertrauen entgegenbringt, zeigen sich neue Risse. Lindner investierte wenige Wochen vor Einführung des Altersvorsorgedepots in den Finanzdienstleister Ginmon – ausgerechnet ein Profiteur desselben Systems. Er ist zwar weder Minister noch Parlamentarier mehr, aber solche Geschichten nähren die Skepsis jener, die wie Merkel der Branche eben noch nicht ganz trauen.
Schlimmer noch sind die Berichte über Fehlspekulationen von Versorgungswerken, die immer wieder auftauchen. Diese Werke sind die erste Säule des deutschen Alterssicherungssystems – sie zahlen Pensionen, gesetzliche Renten und verwalten die Altersansprüche von Freiberuflern wie Ärzten, Apothekern, Architekten und Rechtsanwälten. Ob aus Renditenot während der Nullzinsphase, aus Gier oder aus Unwissen: Es wurden Investitionen getätigt, die hochriskant oder schlicht unprofessionell waren. Das Versorgungswerk der Berliner Zahnärzte verzeichnete erhebliche Verluste. Die Bayerische Versorgungskammer (BVK) drohen Verluste in Höhe von 853 Millionen Euro durch US-Immobilienspekulationen. Und hier liegt das eigentliche Problem: Es gibt kein Auffangnetz. Die Mitglieder tragen die Verluste selbst. Die Finanzaufsicht Bafin ist nicht zuständig. Die Aufsicht obliegt den Ländern – eine Struktur, die an die Landesbanken in der Finanzkrise erinnert.
Die Arbeitsgemeinschaft berufsständischer Versorgungseinrichtungen versucht zu differenzieren, betont, dass es sich um Einzelfälle handelt und dass die meisten der 90 Versorgungswerke der Freien Berufe solide arbeiten. Die BVK beruhigt ihre Mitglieder, indem sie auf die anderen 122 Milliarden Euro ihrer Geldanlage verweist. Eine solche Differenzierung wäre in der öffentlichen Debatte tatsächlich hilfreich. Andere Länder wie Norwegen und Schweden haben gezeigt, dass man Kapitalmärkte nicht grundsätzlich verdammen muss, sondern sie intelligent nutzen kann.
Der Schlüssel liegt in der Unterscheidung zwischen einfachen, transparenten Instrumenten – Aktien und Anleihen in ihrer Reinform, günstig und einwandfrei funktionierend – und den komplexen Strukturen, die die Finanzbranche drum herum baut. Dort wird es teuer, dort entstehen Intransparenz und Mitnahmeeffekte. Das neue Altersvorsorgedepot könnte hier einen wichtigen Schritt darstellen. Anders als bisher können nun auch sehr einfache und günstige Strukturen wie ETF-Sparpläne förderfähig werden – ohne komplexe Strukturen und Garantien bis ans Lebensende.
Doch die Finanzbranche sollte sich bewusst sein, dass sie mit diesem Vertrauensvorschuss – der die Staatskasse mehrere Milliarden Euro kostet – sorgsam umgehen muss. Es braucht gegenseitige Kontrolle, hohe Transparenz und das Wissen, dass die Politik im Zweifelsfall nicht differenziert, wenn etwas schiefläuft. Ein neuer Merkel-Moment könnte die ganze Reform gefährden.
Citazioni salienti
Es ist wichtig, dass sich Banken auch in einer dienenden Funktion für ein Gesamtsystem sehen— Angela Merkel, ehemalige Bundeskanzlerin
Ihre Versorgung ist und bleibt sicher— Bayerische Versorgungskammer zur Beruhigung ihrer Mitglieder