Ein Drittel der Ukrainer erfüllt Kriterien für Posttraumatische Belastungsstörung

Millionen Ukrainer leiden unter Posttraumatischer Belastungsstörung durch Kriegserlebnisse wie Trauer, Vertreibung, Beschuss und Verlust von Angehörigen.
Es gibt keine Familie mehr, die nicht unter dem Krieg gelitten hat
Eine Psychologin von Ärzte ohne Grenzen beschreibt das Ausmaß der Traumatisierung in der ukrainischen Bevölkerung.
Mark

Was bedeutet es konkret, dass ein Drittel der Bevölkerung diese Kriterien erfüllt? Sind das Menschen, die nicht mehr arbeiten können?

Mimi

Die Studie misst, wer die diagnostischen Kriterien erfüllt – also wer Symptome wie Flashbacks, Angstzustände und Schlafstörungen berichtet. Aber wie die Forscherin Facer-Irwin betont, funktionieren viele dieser Menschen trotzdem. Sie gehen zur Arbeit, kümmern sich um ihre Familien. Es ist nicht dasselbe wie völlige Arbeitsunfähigkeit.

Luke

Wichtig zu sagen: Die Studie basiert auf selbst berichteten Symptomen. Das heißt, wie die Menschen die Fragen interpretierten, könnte das Ergebnis beeinflussen. Es ist eine Momentaufnahme, nicht eine klinische Diagnose von jedem Einzelnen.

Mark

Warum entwickeln dann zwei Drittel keine PTBS, obwohl über 90 Prozent traumatische Ereignisse erlebt haben?

Mimi

Das ist die zentrale Frage. Die Forscherin vermutet, dass das starke ukrainische Nationalbewusstsein eine Rolle spielt – dieses Gefühl, gemeinsam gegen die Invasion vorzugehen. Und soziale Unterstützung, sich verbunden fühlen, scheint zu schützen.

Luke

Das ist eine Hypothese, keine bewiesene Kausalität. Wir wissen, dass soziale Unterstützung generell schützend wirkt – das ist etabliert. Aber ob das ukrainische Nationalbewusstsein speziell der Grund ist, warum zwei Drittel resilient sind, das können wir aus dieser Studie nicht mit Sicherheit sagen.

Mark

Was passiert jetzt? Gibt es genug Therapieangebote?

Mimi

Das Zentrum von Ärzte ohne Grenzen in Winnyzja zeigt einen Weg: Erst stabilisieren, dann Traumata bearbeiten, dann reintegrieren. Aber das ist eine Organisation in einer Stadt. Die Psychologin Facer-Irwin sagt deutlich, dass man spezialisierte Therapien braucht, aber auch soziale Hilfsangebote für größere Bevölkerungsgruppen.

Luke

Das ist ein großes Loch. Die Studie dokumentiert ein massives Problem, aber es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Therapeuten verfügbar sind, wie viele Menschen tatsächlich Zugang zu Behandlung haben. Das ist die nächste Frage, die gestellt werden muss.

  • 31,2 Prozent der ukrainischen Zivilbevölkerung erfüllt Kriterien für PTBS – dreimal höher als der weltweite Durchschnitt
  • Über 90 Prozent der Befragten erlebten mindestens ein traumatisches Ereignis; mehr als 70 Prozent erfahren Beschuss in ihren Wohngebieten
  • Studie basiert auf über 2500 Befragten in Regionen unter Kiewer Kontrolle, finanziert vom Bundesforschungsministerium
  • Zwei Drittel der Bevölkerung verarbeiten Traumata unterschiedlich und entwickeln keine anhaltenden Belastungsstörungen

Über 90 Prozent der Befragten erlebten mindestens ein traumatisches Ereignis; mehr als 70 Prozent erfahren Beschuss in ihren Wohngebieten. Zwei Drittel der Bevölkerung verarbeiten Traumata unterschiedlich; starkes Nationalbewusstsein und soziale Unterstützung können schützend wirken.

Eine repräsentative Studie zeigt, dass 31,2 Prozent der ukrainischen Zivilbevölkerung Kriterien für Posttraumatische Belastungsstörung erfüllt – dreimal höher als der weltweite Durchschnitt. Der andauernde russische Angriffskrieg ist ein wesentlicher Faktor für diese massive psychische Belastung.

Mehr als vier Jahre andauernder Krieg haben in der Ukraine eine psychische Gesundheitskrise von beispiellosem Ausmaß hinterlassen. Eine repräsentative Studie des internationalen Forschungsnetzwerks "Kooperation und Konflikt im östlichen Europa" zeigt nun, dass fast ein Drittel der ukrainischen Zivilbevölkerung – genau 31,2 Prozent – die Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder sogar die schwerere Form einer komplexen PTBS erfüllt. Zum Vergleich: Weltweit liegt dieser Anteil bei weniger als zehn Prozent. Die Forschenden befragten mehr als 2500 Ukrainerinnen und Ukrainer in Regionen unter Kontrolle der Kiewer Regierung. Das Bundesforschungsministerium finanzierte die Studie, die in der Fachzeitschrift European Journal of Psychotraumatology veröffentlicht wurde.

Die Zahlen hinter dieser Diagnose erzählen von einem Land, das unter kontinuierlicher Bedrohung lebt. Über 90 Prozent der Befragten gaben an, mindestens ein traumatisches Ereignis im Erwachsenenalter erlebt zu haben. Die Hälfte hat einen Angehörigen im Fronteinsatz. Mehr als 70 Prozent haben Beschuss in ihren Wohngebieten erfahren, 65 Prozent berichten von Zerstörungen durch den Krieg. Diese sind nicht abstrakte Zahlen – sie beschreiben den Alltag von Millionen Menschen, deren Häuser bombardiert werden, deren Familien auseinandergerissen sind, deren Infrastruktur zusammenbricht.

Ruslana Lutsyk-Andrushko, psychosoziale Beraterin bei Ärzte ohne Grenzen in Winnyzja, fasst die Realität in einem Satz zusammen: Es gibt in der Ukraine keine Familie mehr, die nicht unter dem Krieg gelitten hat, in der nicht jemand gestorben oder im besetzten Gebiet zurückgeblieben ist. Die Symptome einer PTBS – wiederkehrende Flashbacks des Traumas, Angstzustände, Reizbarkeit, Schlafstörungen – entstehen, wenn Menschen eine echte oder potenzielle Bedrohung ihres Lebens oder ihrer körperlichen Unversehrtheit erleben und diese Erfahrung sich in der Psyche festsetzt.

Doch die Studie offenbart auch etwas Bemerkenswertes: Zwei Drittel der Bevölkerung verarbeiten ihre traumatischen Erlebnisse anders, ohne anhaltende Belastungsstörungen zu entwickeln. Deirdre MacManus, Studienleiterin und Dozentin für Forensische Psychiatrie am King's College London, betont, dass viele Menschen "unter außerordentlich schwierigen Bedingungen" weiterhin funktionieren und sich anpassen. Emma Facer-Irwin, Hauptautorin der Studie und klinische Psychologin bei der britischen Gesundheitsbehörde, vermutet, dass das starke ukrainische Nationalbewusstsein eine schützende Rolle spielt – das Gefühl einer gemeinsamen Kultur, die kollektiv gegen die Invasion vorgeht. Forschung zeigt, dass sich sozial aufgefangen und verbunden zu fühlen vor PTBS schützen kann.

Diese Erkenntnis prägt den Ansatz der Hilfsorganisationen vor Ort. Im Rehabilitationszentrum von Ärzte ohne Grenzen in Winnyzja beginnt die Behandlung nicht mit der Bearbeitung traumatischer Erinnerungen, sondern mit Stabilisierung und Ressourcenaufbau. Erst wenn sich die Menschen besser fühlen, werden die Traumata bearbeitet. In einer dritten Phase folgt die Reintegration der gewonnenen Erfahrungen. Lutsyk-Andrushko erklärt das Ziel: Menschen sollen ein "Erste-Hilfe-Set" für Stresssituationen erhalten, das sie für sich selbst, ihre Kinder und Freunde nutzen können.

Doch während die Forschung diese Momentaufnahme liefert, verschärft sich die Situation täglich. Russland intensiviert seine Angriffe, und die psychische Belastung wächst. Menschen, die unter ständiger Bedrohung leben und keine Hoffnung auf Besserung sehen, erleben eine zermürbende Dauerkrise. Facer-Irwin warnt, dass die gesamten Auswirkungen des Krieges auf die psychische Gesundheit noch gar nicht absehbar sind. Die langfristigen Folgen werden vermutlich erst deutlich, wenn die Menschen die Möglichkeit hatten, sich in Sicherheit zu bringen und sich vollständig vom Krieg zu erholen. Bis dahin bleibt klar: Die Ukraine braucht nicht nur spezialisierte Traumatherapien, sondern auch umfassende soziale Hilfsangebote für eine Bevölkerung, der es nicht möglich ist, dem Krieg einfach zu entfliehen.

Es gibt in der Ukraine keine Familie mehr, die nicht unter dem Krieg gelitten hat, in der jemand entweder gestorben oder im besetzten Gebiet zurückgeblieben ist
— Ruslana Lutsyk-Andrushko, psychosoziale Beraterin bei Ärzte ohne Grenzen
Die langfristigen Folgen werden vermutlich erst deutlich, wenn die Menschen die Möglichkeit hatten, sich in Sicherheit zu bringen und sich vollständig vom Krieg zu erholen
— Emma Facer-Irwin, Hauptautorin der Studie
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