Wer geheime Akten lesen will, muss bisher an besonders abgeschirmten Rechnern sitzen, und der Austausch zwischen den deutschen Nachrichtendiensten ist deshalb mühsam. Nun planen BND, Verfassungsschutz und MAD eine gemeinsame, bis zur Stufe Geheim reichende Cloud, und ausgerechnet ein US-Konzern soll dafür die technische Grundlage liefern. Das wirft die alte Frage auf, wie viel Souveränität ein Staat über sein Wissen behält, wenn er die Werkzeuge dafür einkauft. Der Ausgang hängt an einer Prüfung durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.
Deutsche Geheimdienste planen gemeinsame Cloud – mit Google-Technik
Erstmals könnten die Dienste Geheimes schnell und umfangreich teilen
Worum geht es im Kern? Um Bequemlichkeit?
Um Geschwindigkeit. Geheime Dokumente lassen sich bisher nur an abgeschirmten Rechnern im Büro lesen. Die ND-Cloud soll den Austausch zwischen BND, Verfassungsschutz und MAD bis zur Stufe "Geheim" elektronisch möglich machen.
Und Google spielt dabei welche Rolle?
Die Cloud soll auf der Google Distributed Cloud in der Air-Gapped-Version beruhen, also ohne Verbindung ins Internet oder zu Google. Die Daten sollen in Deutschland liegen.
Wichtig ist: Das stammt aus Recherchen von NDR und WDR, nicht aus einer offiziellen Bestätigung. BND, MAD und BfV haben keine Fragen zur Cloud beantwortet.
Warum ist die Wahl heikel?
Digitale Souveränität soll ein entscheidendes Kriterium sein, und BfV-Präsident Sinan Selen sprach im vergangenen Jahr davon, Alternativen bieten zu müssen. Das BfV nennt europäische Lösungen "von besonderem Interesse".
Ob es dazu eine europäische Alternative im Verfahren gab, steht in den Informationen nicht.
Was sagt der Experte?
Sven Herpig hält die Datenhaltung im Fall einer Zulassung für abgesichert. Sein Einwand betrifft Updates: Sie kämen weiter von Google, und unklar sei, ob der Betreiber ihre Wirkung beurteilen kann.
Das ist eine offene Frage, kein Befund. Die 500 Millionen Euro sind außerdem eine Schätzung von Insidern, mindestens, nicht belegt.
Und der Zeitplan?
Start war für das erste Quartal 2027 geplant, aber mehrere Komponenten warten auf die BSI-Zulassung. Erst danach sollen Gelder fließen.
The Pulse
- Geheimes Wissen steckt in abgeschirmten Systemen fest, und der Datenaustausch zwischen den Diensten stockt.
- Die geplante ND-Cloud auf Google-Technik stößt auf Kritik, weil digitale Souveränität eigentlich das Leitmotiv ist.
- Die Behörden halten sich mit Auskünften zurück, während Fachleute Fragen zu künftigen Software-Updates stellen.
- Der Start im ersten Quartal 2027 gerät ins Wanken, weil Zulassungen des BSI noch ausstehen und mindestens 500 Millionen Euro an der Freigabe hängen.
Wer geheime Akten lesen will, muss bisher an besonders abgeschirmten Rechnern sitzen, und der Austausch zwischen den deutschen Nachrichtendiensten ist deshalb mühsam. Nun planen BND, Verfassungsschutz und MAD eine gemeinsame, bis zur Stufe Geheim reichende Cloud, und ausgerechnet ein US-Konzern soll dafür die technische Grundlage liefern. Das wirft die alte Frage auf, wie viel Souveränität ein Staat über sein Wissen behält, wenn er die Werkzeuge dafür einkauft. Der Ausgang hängt an einer Prüfung durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.
Wer beim Verfassungsschutz ein als geheim eingestuftes Dokument lesen will, muss ins Büro gehen und an einem eigens eingerichteten Rechner arbeiten. Diese sogenannten roten Systeme sind abgeschirmt, und selbst der Versand einer solchen Datei per E-Mail ist kompliziert. Der Austausch zwischen den Nachrichtendiensten des Bundes leidet darunter.
Nun soll sich das ändern. Nach Recherchen von NDR und WDR planen BfV, BND und MAD eine gemeinsame Cloud, die ND-Cloud. Sie soll Informationen bis zur Einstufung Geheim elektronisch verfügbar machen und später auch den Landesbehörden offenstehen. Technisch soll sie auf der Google Distributed Cloud in einer Air-Gapped-Version laufen, also ohne Internetverbindung, mit Daten in Deutschland und ohne Google-Zugriff. Dass ein US-Konzern dafür gewählt wurde, passt schlecht zu den Bekenntnissen zur digitalen Souveränität.
Der Zeitplan ist ins Rutschen geraten. Mehrere Komponenten warten noch auf die Zulassung durch das BSI, und erst danach sollen die Mittel fließen. Insidern zufolge kostet das Vorhaben mindestens 500 Millionen Euro. Sven Herpig von der Organisation Interface sieht die technischen Voraussetzungen für sensible Daten bei einer Zulassung gegeben, fragt aber, wie man künftige Updates aus den USA verlässlich bewerten kann.
Ein früherer Satz von BfV-Präsident Sinan Selen klingt in diesem Zusammenhang nach. Man müsse Alternativen anbieten können, hatte er gesagt. Das Amt betont nun, europäische Lösungen seien für die technische Resilienz von besonderem Interesse. Weitere Fragen blieben unbeantwortet. Die Rechenkapazität soll über die BWI bereitgestellt werden, die bereits eine Partnerschaft mit Google eingegangen ist. Ob die Cloud kommt, entscheidet sich am BSI.
Wer beim Verfassungsschutz ein als geheim eingestuftes Dokument lesen will, muss dafür ins Büro. Er braucht einen speziell eingerichteten Computer. Die sogenannten roten Systeme, auf denen als "Vertraulich" oder "Geheim" eingestufte Unterlagen liegen, sind abgeschirmt. Deshalb ist es kompliziert, solche Dateien auch nur per E-Mail zu verschicken, und der Austausch zwischen den deutschen Nachrichtendiensten ist mühsam.
Das soll sich ändern. Nach Recherchen von NDR und WDR planen die Nachrichtendienste des Bundes eine gemeinsame Cloud, die "ND-Cloud". Über sie sollen Informationen bis zur Stufe "Geheim" elektronisch ausgetauscht werden können. Nutzen sollen sie das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), der Bundesnachrichtendienst (BND) und der Militärische Abschirmdienst (MAD). Erstmals könnten die Behörden damit schnell und in großem Umfang Daten bis zu dieser Geheimhaltungsstufe teilen. Später sollen auch die Verfassungsschutzbehörden der Länder angeschlossen werden.
Technisch soll die Cloud auf der Google Distributed Cloud (GDC) beruhen, und zwar in einer Air-Gapped-Version. Das System läuft damit autonom, ohne direkte Verbindung ins Internet oder zu Google. Die Daten sollen in Deutschland liegen, Google soll keinen Zugriff haben. Vorgesehen ist ein getrenntes, besonders geschütztes IT-Netz. Dass ausgerechnet ein US-Konzern zum Zug kommen soll, obwohl digitale Souveränität als entscheidendes Kriterium gilt, wirkt widersprüchlich.
Der Zeitplan hält offenbar nicht. Geplant war der Start im ersten Quartal 2027. Mehrere Komponenten befinden sich aber noch im Zulassungsverfahren des Bundesamts für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Erst danach sollen die Haushaltsmittel freigegeben werden. Insidern zufolge belaufen sich die geschätzten Kosten auf mindestens 500 Millionen Euro.
Sven Herpig, Leiter Cybersecurity & Emerging Threats bei der unabhängigen Organisation Interface, geht bei einer Zulassung davon aus, dass die Voraussetzungen für Datenhaltung und -verarbeitung so sensibler Inhalte gegeben sind. Er verweist aber auf ein Folgeproblem: Spätere Updates könnten die Software verändern. Sie kämen weiter von Google. Daher fragt er, ob der Betreiber in Deutschland die Auswirkungen eines Updates überhaupt beurteilen könne und wie groß eine Änderung sein müsse, damit die neue Version erneut bewertet und zugelassen werden muss.
Auch zu früheren Aussagen aus den Sicherheitsbehörden passt die Wahl schlecht. BfV-Präsident Sinan Selen sagte im vergangenen Jahr auf die Frage, ob seine Behörde US-Software zur Datenanalyse nutzen solle: "Wir müssen im Endeffekt in der Lage sein, Alternativen zu bieten." Auf Anfrage schrieb das BfV, die Handlungs- und Innovationsfähigkeit hänge direkt von moderner IT ab. Zur Stärkung der "technischen Resilienz" seien europäische Lösungen von besonderem Interesse. Weitere Fragen zur Cloud wollten weder BfV noch BND oder MAD beantworten.
Gebraucht werden zudem Rechenzentren mit ausreichend Kapazität. Dafür wollen die Dienste nach derzeitiger Planung auf die BWI zurückgreifen, das IT-Systemhaus der Bundeswehr. Sie hatte im vergangenen Sommer eine Partnerschaft mit Google angekündigt, um geschützte Bundeswehr-Daten auf Google-Cloud-Systemen ohne Internetanbindung zu verarbeiten. Der Bedarf wächst: Die Dienste sollen künftig automatisierte Analysen, etwa mit Künstlicher Intelligenz, einsetzen, und der BND soll im Rahmen der Strategischen Aufklärung mehr Daten erfassen, speichern und verarbeiten dürfen.
Neu ist der Ansatz international nicht. Amazon stellt US-Geheimdiensten und Militär mit AWS Secret Cloud ein solches System bereit. 2021 wurde zudem berichtet, Großbritannien habe für seine Geheimdienst-Cloud einen Vertrag mit Amazon geschlossen. Entscheidend wird nun, ob und wann das BSI die Komponenten zulässt, denn davon hängt die Freigabe der Mittel ab.
Notable Quotes
Die Updates kämen weiterhin von Google. Dann stellt sich die Frage: Kann der Betreiber hierzulande überhaupt beurteilen, welche Auswirkungen ein Update möglicherweise hat?— Sven Herpig, Interface
Wir müssen im Endeffekt in der Lage sein, Alternativen zu bieten.— Sinan Selen, BfV-Präsident, im vergangenen Jahr