Deutsch-israelischer Jugendaustausch in der Krise: Lehrer kämpfen um Neubeginn

Junge Menschen verlieren Chancen auf interkulturelle Begegnungen und gegenseitiges Verständnis; israelische und deutsche Schüler werden durch Sicherheitsbedenken und Polarisierung voneinander isoliert.
Wenn der Mensch den anderen als Menschen sieht, ist schon viel gewonnen
Friederike Klee erklärt, warum persönliche Begegnungen im Kampf gegen Antisemitismus so wichtig sind.
Mark

Warum ist dieser Austausch überhaupt so wichtig? Es geht doch nur um ein paar Schulreisen.

Mimi

Es geht um viel mehr. Diese Begegnungen helfen Schülern, Menschen statt Karikaturen zu sehen. Wenn ein deutscher Schüler einen israelischen Freund hat, kann er später nicht einfach sagen, dass alle Israelis so oder so sind.

Luke

Aber wie viel bewirkt das wirklich? Wenn ein Schüler nach einer Reise nach Israel zurückkommt und dann sieht er im Internet Bilder von Zerstörung – ändert das seine Meinung?

Mimi

Das ist eine gute Frage. Mehmet Can sagt, dass die Schüler dann eher sagen können: "So haben wir das vor Ort nicht erlebt." Sie haben ein eigenes Urteil, nicht nur das, was sie in den Medien sehen.

Mark

Und warum ist es jetzt so schwer geworden? Corona ist vorbei.

Mimi

Corona war nur der Anfang. Der 7. Oktober 2023 hat alles verändert. Dann kamen Reisewarnungen, Sicherheitsbedenken. Und jetzt: Wenn israelische Schüler nach Deutschland kommen, braucht man Sicherheitskräfte wegen Antisemitismus.

Luke

Das ist ein wichtiger Punkt. Die Zahlen sind dramatisch – von 10.000 Reisen pro Jahr auf praktisch null. Aber wir wissen nicht genau, wie viele Schulen überhaupt noch versuchen, Austausch zu organisieren. Sind es nur die großen Organisationen, die berichten?

Mimi

Das ist wahr. Aber die Axel-Springer-Stiftung sagt, dass 2026 nur drei Anträge kamen, während es 2022 46 waren. Das ist ein klares Signal.

Mark

Und die Schulen mit armen Schülern – die tragen die Last allein?

Mimi

Genau. Schulen mit wohlhabenden Eltern können die Sicherheitskosten tragen. Schulen wie der Campus Rütli in Neukölln, wo viele Schüler muslimisch sind, müssen alles selbst organisieren und finanzieren.

Luke

Aber es gibt auch Hoffnung. Paula Wetzel fährt trotzdem. Und Friederike Klee und Axel Schlüter wollen auf eigene Kosten nach Israel fahren. Das zeigt, dass nicht alle aufgeben.

Mimi

Genau. Und Uriel Kashi in Jerusalem sagt, dass sich die Situation nach der israelischen Parlamentswahl vielleicht ändert. Es ist eine Krise, aber nicht das Ende.

  • Austauschreisen zwischen Deutschland und Israel von geschätzten 10.000 pro Jahr auf ein Minimum zusammengebrochen
  • Axel-Springer-Stiftung erhielt 2026 nur drei Förderanträge statt 46 im Jahr 2022
  • Kosten pro Schüler über 1.000 Euro; Schulen brauchen oft bis zu fünf Stiftungen zur Finanzierung
  • Israelische Behörden raten von Reisen nach Deutschland ab; deutsche Behörden warnen vor Israel-Reisen
  • Jugendbegegnungsstätte Beit Ben-Yehuda in Jerusalem mit 48 Betten ist oft verwaist

Austauschreisen nach Israel sind von geschätzten 10.000 jährlich auf ein Minimum zusammengebrochen; 2026 gab es nur drei Förderanträge statt 46 im Jahr 2022. Schulen mit sozial schwächeren Schülern tragen die Last allein: Kosten über 1.000 Euro pro Schüler, komplexe Finanzierung, zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für israelische Besucher in Deutschland.

Der deutsch-israelische Jugendaustausch ist durch Corona, den Terrorangriff vom 7. Oktober und Sicherheitsbedenken massiv eingebrochen. Engagierte Lehrer kämpfen gegen finanzielle und organisatorische Hürden, um die Begegnungen fortzusetzen.

Friederike Klee sitzt in Hamburg und denkt darüber nach, ob sie weitermachen soll. Sie unterrichtet am Margaretha-Rothe-Gymnasium, einer Schule, die nach einer Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus benannt ist. Seit 2015 organisiert sie mit ihrem Kollegen Axel Schlüter Austauschprogramme mit Israel. Jedes Frühjahr fuhren 15 bis 20 Schüler nach Israel, im Sommer kamen israelische Jugendliche zum Gegenbesuch. Aber der letzte richtige Austausch fand vor der Corona-Pandemie statt. Seitdem ist wenig mehr passiert.

Die Gründe sind bekannt und stapeln sich: Corona 2021, der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023, dann Reisewarnungen, jetzt der Krieg mit dem Iran. An Schulen wie dem Campus Rütli in Berlin-Neukölln oder dem Margaretha-Rothe-Gymnasium in Hamburg-Barmbek, wo viele Schüler aus muslimischen Familien kommen und die Eltern oft nicht wohlhabend sind, ist eine Reise nach Israel für die Lehrer ein Marathon geworden. Mehmet Can, Fachbereichsleiter am Campus Rütli, musste 2021 wegen Corona absagen, 2023 wegen des Terrorangriffs, 2025 wegen einer Reisewarnung. Jetzt ist nichts geplant. Fast überall an den Schulen, die Israel als Ziel hatten, herrscht Stille.

Die Zahlen zeigen das Ausmaß des Zusammenbruchs. Vor wenigen Jahren gab es geschätzt etwa 10.000 Austauschreisen pro Jahr zwischen Deutschland und Israel. 2022 unterstützte die Axel-Springer-Stiftung noch 46 Exkursionen nach Israel und deutsche Besuche von israelischen Schülergruppen. 2026 kamen nur drei Anträge. Für Reisen von Deutschland nach Israel lag kein einziger Antrag vor. Erik Lindner, Geschäftsführer der Stiftung, sagt, dass sich seine Arbeit völlig verändert hat. Jetzt liegen auf seinem Schreibtisch vor allem Anträge zu Gedenkstätten-Fahrten.

Die Hürden sind nicht nur politisch, sondern auch praktisch und finanziell. Eine Reise kostet heute schnell über 1000 Euro pro Schüler. Um das Geld aufzutreiben, braucht es oft bis zu fünf Stiftungen, dazu die Schulbehörde, Kuchenbasare, wohlmeinende Verwandte. Wenn dann kurzfristig wegen einer Reisewarnung abgesagt werden muss, ist das meiste Geld weg. Noch schwieriger wird es, wenn israelische Schüler nach Deutschland kommen. Wegen wachsenden Antisemitismus und tätlicher Angriffe auf Juden müssen extra Busse oder Sicherheitskräfte gemietet werden. Das ist teuer und aufwendig. Oft können das nur noch Schulen leisten, deren Eltern vermögend sind. Axel Schlüter erzählt, dass sie über Besuche israelischer Schülergruppen erst nach dem Besuch auf ihrer Homepage berichten – aus Sicherheitsgründen.

Aber es gibt Lehrer, die nicht aufgeben. Mehmet Can sagt, dass man die Israelreisen nicht überschätzen, aber auch nicht unterschätzen darf. Sie helfen beim Kampf gegen Antisemitismus. Der Campus Rütli entwickelte sich von einer "Schule mit sozialem Sprengstoff" zu einem vorbildlichen Modell – auch weil die Schule vorbereitet war, als der 7. Oktober 2023 die Schulhöfe extrem polarisierte. Die Begegnungen vor Ort hatten den Schülern geholfen, das Thema in seiner Komplexität besser zu verstehen und mancher Information zu misstrauen. Friederike Klee und Axel Schlüter glauben: "Der beste Kampf gegen Antisemitismus ist, wenn sie sich kennenlernen und vielleicht sogar noch verlieben." Das Kognitive sei das eine, das Emotionale vor Ort das andere. "Wenn der Mensch den anderen als Menschen sieht, dann ist schon viel gewonnen."

Es gibt noch junge Menschen, die fahren. Paula Wetzel aus Berlin hat gerade ihr Abitur gemacht und arbeitet als Freiwillige bei Aktion Sühnezeichen in Israel. Mit zwölf Jahren war sie zum ersten Mal dort, weil der Freund ihrer Mutter Israeli ist. Seitdem fährt sie immer wieder hin. Im Freundeskreis wurde sie gefragt, ob sie es moralisch vertretbar finde, dorthin zu fahren, solange Rechtsextreme in der israelischen Regierung sind. Sie denkt: "Zu einer guten Freundschaft gehört, dass man sich kritisieren kann." Die Sicherheitslage schreckt sie nicht ab – sie weiß, wann sie in einen Schutzbunker muss.

In Jerusalem leitet Uriel Kashi seit zwei Jahren die Jugendbegegnungsstätte Beit Ben-Yehuda mit 48 Betten für junge Menschen, die Austausch suchen. Aber jetzt sind die Zimmer oft verwaist. Für Kashi ist das ein Zeichen, dass sich der Austausch in einer tiefen Krise befindet. Früher gab es durch Chöre, Schulklassen, Feuerwehren viele entspannte Begegnungen. Die Holocaust-Erzählungen rückten in den Hintergrund, es ging um das Leben jetzt, den Strand, die Musik. Nun ist es vor allem die Assoziation mit dem Krieg, die das Bild von Israel ausmacht. Durch Boykotte und das Wegbleiben fühlen sich viele Israeli allein gelassen. Friederike Klee und Axel Schlüter wollen nicht aufgeben. Vielleicht fahren sie auf eigene Kosten nach Israel und suchen eine neue Partnerschule. Das ist im Moment ihr Plan.

Wenn wir nicht mit so viel Herzblut bei diesem Thema wären, dann hätten wir schon hingeschmissen
— Friederike Klee, Lehrerin am Margaretha-Rothe-Gymnasium Hamburg
Der beste Kampf gegen Antisemitismus ist, wenn sie sich kennenlernen und vielleicht sogar noch verlieben
— Friederike Klee und Axel Schlüter
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