Eine Partei, die ihren Aufstieg dem Charisma ihrer Gründerin verdankte, legt nun deren Namen ab – und behauptet zugleich, sich dabei nicht wirklich zu verändern. Das Bündnis Sahra Wagenknecht heißt fortan Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft, behält aber das Kürzel BSW und, nach Aussage der Führung, auch Wagenknechts Einfluss. In dieser scheinbar stillen Umbenennung spiegelt sich eine tiefere Spannung wider: zwischen dem Personenkult als Gründungsmoment und dem institutionellen Reifeprozess, den jede politische Bewegung irgendwann durchlaufen muss.
Das BSW heißt ab heute BSW - Wagenknecht nicht mehr im Parteinamen
BSW bleibt BSW und ich glaube, das passiert einfach unauffällig
Warum hat die Partei so lange gewartet, bis sie sich umbenannt hat? Das war doch schon im Dezember beschlossen.
Sie wollten den Namen Wagenknecht bei den Landtagswahlen im Osten noch nutzen. Der Name war ein großer Vorteil für die Mobilisierung.
Aber das wirft eine Frage auf: Wenn der Name so wichtig für die Wahlerfolge war, wie stabil ist die Partei wirklich ohne ihn?
Das ist der Punkt. Die Partei sagt, sie habe sich etabliert. Aber die Wahlergebnisse im Westen waren schwach.
Was macht das BSW denn so attraktiv für Wähler im Osten?
Es verbindet linke Sozialpolitik mit konservativer Migrationspolitik und ist sehr kritisch gegenüber der NATO. Das spricht dort viele Menschen an.
Aber in Thüringen ist fast die ganze Fraktion ausgetreten. Das deutet auf tiefe interne Konflikte hin, nicht auf Stabilität.
Ja, das war ein großer Schlag. Wagenknecht und die Bundespartei haben sich massiv in die Landespolitik eingemischt.
Und jetzt sagt Mohamed Ali, Wagenknecht werde sich weiter einbringen wie vorher. Das klingt ja, als hätte sich nichts geändert.
Genau. Die Umbenennung ist eher kosmetisch. Der Einfluss bleibt.
Können wir sagen, dass die Partei ohne Wagenknechts Namen überhaupt noch funktioniert? Das ist noch nicht bewiesen.
Und im Westen wird sie wohl auch nicht relevant, oder?
Nach Einschätzung der Politikwissenschaftler nicht. Die Positionen passen dort nicht zum Wählerpotential.
El Pulso
- Die Partei trägt seit ihrer Gründung den Namen einer einzelnen Person – ein Konstrukt, das öffentliche Aufmerksamkeit sicherte, aber langfristig die Eigenständigkeit der Partei untergrub.
- In Thüringen eskalierte der Konflikt zwischen Bundespartei und Landtagsfraktion so stark, dass fast die gesamte Fraktion im September die Partei verließ – ein offenes Zeichen für Wagenknechts zentralisierenden Einfluss.
- Die Umbenennung, bereits im Dezember beschlossen, wurde bewusst verzögert, um bei Ostdeutschen Landtagswahlen noch von Wagenknechts Bekanntheit zu profitieren – ein taktisches Kalkül, das die Spannung zwischen Marke und Programm offenbart.
- Co-Vorsitzende Mohamed Ali betont, Wagenknechts Einfluss bleibe unverändert – eine Aussage, die Hoffnungen auf einen inhaltlichen Neuanfang dämpft und die Frage nach echter Parteiautonomie offen lässt.
- Im Westen Deutschlands findet das BSW kaum Resonanz; die Expansion in westdeutsche Landtagswahlen 2026 gilt als ambitioniert, aber politikwissenschaftlich als wenig aussichtsreich.
Eine Partei, die ihren Aufstieg dem Charisma ihrer Gründerin verdankte, legt nun deren Namen ab – und behauptet zugleich, sich dabei nicht wirklich zu verändern. Das Bündnis Sahra Wagenknecht heißt fortan Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft, behält aber das Kürzel BSW und, nach Aussage der Führung, auch Wagenknechts Einfluss. In dieser scheinbar stillen Umbenennung spiegelt sich eine tiefere Spannung wider: zwischen dem Personenkult als Gründungsmoment und dem institutionellen Reifeprozess, den jede politische Bewegung irgendwann durchlaufen muss.
Das Bündnis Sahra Wagenknecht existiert nicht mehr – zumindest nicht unter diesem Namen. Seit dem 1. Oktober steht das Kürzel BSW für Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft. Co-Vorsitzende Amira Mohamed Ali gibt sich betont gelassen: Die Entscheidung sei bereits im Dezember gefallen, die Umbenennung sei keine Zäsur, sondern eine stille Anpassung. Wagenknechts Name habe der jungen Partei geholfen, Aufmerksamkeit zu gewinnen – doch für eine etablierte politische Kraft sei ein Personenname als Parteibezeichnung keine tragfähige Dauerlösung.
Der Potsdamer Politikwissenschaftler Jan Philipp Thomeczek beschreibt das BSW als Besetzung einer realen Lücke im Parteiensystem: linke Sozialpolitik, konservative Migrationspolitik, NATO-Skepsis und ein Eintreten für Frieden in der Ukraine – auch um den Preis ukrainischer Territorien. Diese Kombination hat vor allem in Ostdeutschland gezogen, wo das BSW bei der Bundestagswahl fast zehn Prozent erreichte. In Brandenburg und Thüringen gelang sogar die Regierungsbeteiligung – doch in Thüringen folgte der Absturz: Im September verließ fast die gesamte Landtagsfraktion die Partei, nachdem Wagenknecht und die Bundespartei massiv in die Landespolitik eingegriffen hatten.
Dass Wagenknechts Einfluss trotz Namensänderung unverändert bleiben soll, macht Mohamed Ali unmissverständlich klar. Für westdeutsche Landtagswahlen 2026 gibt sich die Parteichefin optimistisch und verweist auf Umfragewerte mit Potenzial über zwanzig Prozent. Thomeczek hingegen sieht die Partei strukturell als ostdeutsches Phänomen. 'BSW bleibt BSW', sagt Mohamed Ali – und meint damit wohl mehr, als die schlichte Kontinuität eines Kürzels.
Die Partei, die lange Zeit den Namen ihrer prominentesten Gründerin trug, existiert ab sofort unter einer neuen Bezeichnung. Das Bündnis Sahra Wagenknecht ist Geschichte. Das Kürzel BSW bleibt, aber die Buchstaben stehen nun für Bündnis für Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft — eine Umbenennung, die weniger dramatisch ausfällt, als sie auf den ersten Blick wirken mag.
Amira Mohamed Ali, Co-Vorsitzende der Partei, betont an diesem Umbenennungstag, dass eigentlich nichts Wesentliches geschehen sei. Die Entscheidung war bereits im Dezember des Vorjahres gefallen, doch bei den Landtagswahlen im Osten zog die Partei es vor, noch auf den Namen der bekanntesten Parteimitglieder zu setzen. Wagenknechts Name, erklärt Mohamed Ali, verbinde sich mit einer bestimmten politischen Ausrichtung, was der Partei anfangs geholfen habe, öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Doch für eine etablierte Partei sei dies keine tragfähige Dauerlösung. "Und deswegen haben wir gesagt von Anfang an, wenn die Partei sich etabliert hat, werden wir sie umbenennen, und das geschieht jetzt."
Der Politikwissenschaftler Jan Philipp Thomeczek von der Universität Potsdam hat sich intensiv mit dieser Partei auseinandergesetzt. Er beschreibt das politische Angebot des BSW als Besetzung einer Lücke im Parteiensystem: eine Mischung aus linker Sozialpolitik und konservativer Gesellschaftspolitik, besonders beim Thema Migration, kombiniert mit einer entschiedenen Skepsis gegenüber der NATO und einem Eintreten für Frieden in der Ukraine, notfalls um den Preis ukrainischer Territorien. Diese Kombination spreche Menschen an — und natürlich sei Sahra Wagenknecht selbst Teil dieser Anziehungskraft gewesen.
Die bisherige Bilanz der Partei zeigt ein klares geografisches Muster. Bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war das BSW erfolgreich, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern verfehlte es knapp den Einzug, während es in Brandenburg und Thüringen deutlich stärker abschnitt und damit in Regierungsbeteiligungen kam. Doch in Thüringen führte dies zu erheblichen internen Konflikten. Anfang September verließ fast die komplette Landtagsfraktion die Partei, nachdem die Bundespartei und insbesondere Wagenknecht massiv in Landespolitik eingegriffen hatten.
Die Frage nach Wagenknechts künftiger Rolle bleibt offen. Mohamed Ali versichert, dass sich am Einfluss der Parteigründerin nichts ändern werde — Wagenknecht werde sich weiterhin in Parteivorstände und Gremien einbringen wie bisher auch. Diese Aussage klingt fast wie eine Warnung an diejenigen, die gehofft hatten, die Namensänderung könnte auch eine inhaltliche Neuausrichtung bedeuten.
Für die kommenden fünf Landtagswahlen im Westen — vom Saarland über Nordrhein-Westfalen bis Niedersachsen — wird das BSW nach Einschätzung von Thomeczek keine bedeutende Rolle spielen. Die Partei sei von Anfang an in Ostdeutschland stärker verankert gewesen. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr erreichte das BSW fast zehn Prozent in Ostdeutschland, etwa so viel wie die SPD dort. Im Westen hingegen finde die Kombination ihrer Positionen bei Wählern deutlich weniger Resonanz.
Mohamed Ali bleibt gleichwohl optimistisch. Das BSW sei eine junge Partei, und Umfragen deuteten auf ein Potential von über zwanzig Prozent hin. Viele Menschen könnten sich vorstellen, die Partei zu wählen. Deshalb erfolgte die Umbenennung auch bewusst unauffällig — nicht als Bruch, sondern als stille Anpassung. "BSW bleibt BSW", fasst die Parteichefin zusammen, "und ich glaube, das passiert einfach unauffällig, dass wir uns umbenennen."
Citas Notables
Das BSW hat eine Leerstelle im Parteiensystem gefüllt. Diese Kombination aus einer eher linken Sozialpolitik und einer eher konservativen Gesellschaftspolitik, gerade beim Thema Migration.— Jan Philipp Thomeczek, Politikwissenschaftler
Sahra wird sich weiter einbringen genau wie vorher auch.— Amira Mohamed Ali, Co-Vorsitzende des BSW