Bürgermeister Bovenschulte deutete die vier unterschiedlichen Tiere als Metapher für diverse Bundesländer, die nur gemeinsam stark sind. Die Bremer Stadtmusikanten sind im Märchen nie wirklich in Bremen angekommen und haben dort nie musiziert – eine kulturelle Aneignung.
Bremer Stadtmusikanten: Eine Parabel auf deutsche Einheit mit versteckter Pointe
Nicht einmal die Bremer Stadtmusikanten sind Bremer
Warum ist diese versteckte Ironie wichtig? Der Bürgermeister hat doch eine funktionierende Metapher gefunden – vier verschiedene Tiere, vier verschiedene Bundesländer, zusammen stark.
Weil die Metapher nur funktioniert, wenn man die Geschichte ignoriert. Die Tiere erreichen ihr Ziel nie. Sie bleiben in der Provinz. Bremen ist für sie unerreichbar.
Aber das ist eine literarische Interpretation. Im Märchen sind sie erfolgreich – sie besiegen die Räuber, sie haben ein Zuhause. Ist das nicht auch eine gültige Lesart?
Ja, aber die Autorin des Artikels zeigt, dass Bremen sich eine Geschichte angeeignet hat, die gar nicht seine ist. Sie stammt aus dem Paderbörnischen.
Also geht es um kulturelle Aneignung? Um die Frage, wem eine Geschichte gehört?
Es geht um mehr. Es geht darum, dass wir Symbole nehmen, ihre Herkunft vergessen und sie für neue Zwecke nutzen. Das ist nicht falsch – es ist nur ehrlicher, das zuzugeben.
Genau. Die deutsche Einheit ruht auf ungeklärten Zugehörigkeitsverhältnissen. Wir nehmen Geschichten, die woanders herkommen, und machen sie zu unseren. Das funktioniert, aber es ist auch ein bisschen willkürlich.
Und der Bürgermeister wusste das?
Das ist unklar. Der Artikel sagt, die Pointe "kam beim Fest aus guten Gründen nicht zur Sprache". Das deutet darauf hin, dass man sie bewusst nicht ausgesprochen hat.
Weil sie die Metapher zerstört hätte. Wenn man sagt, dass die Tiere nie in Bremen ankommen, funktioniert die Einheitsparabel nicht mehr.
Also war es eine bewusste Auslassung?
Das können wir nicht mit Sicherheit sagen. Der Artikel spekuliert nicht darüber, was Bovenschulte wusste oder nicht wusste.
El Pulso
- Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) deutete die vier Tiere als Metapher für Vielfalt und Zusammenhalt
- Die Tiere im Märchen erreichen Bremen nie und bleiben im Wald
- Das Märchen stammt aus dem Paderbörnischen, nicht aus Bremen
- Tag der Deutschen Einheit wurde am Samstag in Bremen begangen
Bürgermeister Bovenschulte deutete die vier unterschiedlichen Tiere als Metapher für diverse Bundesländer, die nur gemeinsam stark sind. Die Bremer Stadtmusikanten sind im Märchen nie wirklich in Bremen angekommen und haben dort nie musiziert – eine kulturelle Aneignung.
Zur Feier des Tages der Deutschen Einheit in Bremen wurde das Märchen der Bremer Stadtmusikanten als politische Parabel herangezogen, um Vielfalt und Zusammenhalt zu symbolisieren – doch die Geschichte birgt eine unbequeme Ironie.
Bremen feierte den Tag der Deutschen Einheit mit einem Fest, das sich um ein altes Märchen drehte. Der Bürgermeister Andreas Bovenschulte von der SPD hatte die Bremer Stadtmusikanten zur Leitmetapher der Veranstaltung erkoren – jene vier unterschiedlichen Tiere aus der Grimm-Sammlung, die gemeinsam ein Waldhaus von Räubern erobern. Es war eine elegante Wahl für einen Festakt über nationale Einheit: vier sehr verschiedene Wesen, jedes mit eigenen Fähigkeiten, die nur zusammen etwas Großes erreichen.
Bovenschulte erklärte das Märchen als politische Parabel. Vier Esel hätten es nie geschafft, sagte er dem Publikum – aber ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn, aufeinandergestellt zu einer Pyramide, sahen in der Nacht aus wie ein Gespenst, das die Räuber in die Flucht trieb. Die Botschaft war klar: Vielfalt ist Stärke. Die Tiere in der Geschichte waren zudem alte, ausrangierte Haustiere geworden, von ihren Besitzern als nutzlos befunden. Doch sie fanden etwas Besseres als den Tod – sie fanden Zweck und Gemeinschaft. Der Bundespräsident, der nach Bovenschulte sprach, griff diesen Gedanken auf und warnte vor lähmender Angst und Verzweiflung. Es gebe immer Gründe zur Sorge, sagte er sinngemäß, aber Dauergeschimpfe führe zu nichts.
Die Musik des Festakts selbst war weniger durchdacht. Es erklang John Miles mit "Music Was My First Love" – Kitsch von der Stange – und davor ein Stück aus John Adams' Minimal-Music-Repertoire. Beides war gedankenlos ausgewählt, ohne jeden Bezug zur Feier. Bremen, so viel war klar, würde nicht als Musikstadt in Erinnerung bleiben.
Doch die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten barg eine Ironie, die beim Fest aus guten Gründen unausgesprochen blieb. Die vier Tiere kommen im Märchen nämlich niemals in Bremen an. Bremen war für sie nur eine Durchhalteparole, ein unerreichter Sehnsuchtsort – die Hansestadt, die Hoffnung auf ein besseres Leben. Nach ihrem Sieg über die Räuber bleiben sie in der Provinz, im Wald, als ehemalige Haustiere. Sie haben in Bremen nie musiziert. Sie sind nie dort angekommen.
Die Grimm-Brüder hatten das Märchen aus dem Paderbörnischen übernommen. Die Menschen aus jener Region könnten zu Recht sagen, dass die tapferen vier ihnen gehören – dass Bremen sich eine Geschichte angeeignet hat, die nicht seine ist. Bovenschulte hatte im Publikum für Gelächter gesorgt, als er sagte: "Bayern muss nicht Bremen sein." Aber die tiefere Wahrheit war noch pointierter: Nicht einmal die Bremer Stadtmusikanten sind Bremer.
Das ist das Fundament, auf dem deutsche Einheit ruht – auf Aneignung, Missverständnis, auf dem Weglassen und Hinzufügen von Details. Die Zugehörigkeitsverhältnisse sind ungeklärt, die Identitäten unsortiert. Kultur ist ein Durcheinander von Grenzen, die sich verschieben, von Geschichten, die weiterwandern, von Symbolen, die ihre Herkunft vergessen. Ein Märchen aus Paderborn wird zur Metapher für nationale Einheit in Bremen, und niemand fragt, ob die Geschichte überhaupt dort hingehört. Das ist nicht Versagen – das ist, wie es funktioniert.
Citas Notables
Bayern muss nicht Bremen sein— Bürgermeister Andreas Bovenschulte
Gründe, sich Sorgen zu machen, gibt es immer; aber Angst, Verzweiflung und haltloses Dauergeschimpfe sind unergiebig— Der Bundespräsident (sinngemäß zitiert)