Brasilien wählt: Lula gegen Bolsonaros Sohn in richtungsweisender Abstimmung

Hier fließt das Blut Bolsonaros – aber ich bin ruhiger und moderater
Flávio Bolsonaro versucht, sich von seinem Vater abzugrenzen, während er dessen politisches Erbe bewahrt.
Mark

Warum ist diese Wahl so bedeutsam, wenn die Umfragen ein so enges Rennen zeigen?

Mimi

Weil es nicht nur um Brasilien geht. Lula und Flávio Bolsonaro vertreten völlig gegensätzliche Visionen – Sozialprogramme gegen Sicherheitshärte, staatliche Investitionen gegen Privatisierung. Und die Entscheidung hat Auswirkungen auf den Amazonas, auf die US-Beziehungen, auf alles.

Luke

Aber wir sollten vorsichtig sein: Die Umfragen zeigen Lula bei 45 Prozent, Bolsonaro "knapp dahinter" – das ist vage. Wie knapp genau? Und wie zuverlässig sind diese Umfragen in einem Land mit so viel politischer Polarisierung?

Mark

Flávio Bolsonaro sagt, er sei "ruhiger und moderater" als sein Vater. Glaubt jemand das wirklich?

Mimi

Das ist die zentrale Frage des Wahlkampfs. Er versucht, die Bolsonaro-Basis zu halten, ohne die Wähler abzuschrecken, die Jair Bolsonaro zu radikal fanden. Aber sein Programm – Hochsicherheitsgefängnisse, niedrigere Altersgrenze für Strafmündigkeit – ist nicht wirklich moderat.

Luke

Und wir sollten beachten: Er wird unter Korruptionsverdacht ermittelt. Das ist nicht nur eine Anschuldigung, sondern ein laufendes Verfahren. Das könnte seine Kandidatur beeinflussen.

Mark

Der Amazonas war 2022 ein großes Thema. Warum nicht jetzt?

Mimi

Das ist rätselhaft. Vielleicht weil die Sicherheitskrise so unmittelbar ist – Menschen sorgen sich um ihre Sicherheit im Alltag, nicht um den Regenwald in der Ferne. Oder weil Lula die Abholzung tatsächlich reduziert hat, also das Thema weniger dramatisch wirkt.

Luke

Aber das ist auch eine Warnung für uns als Leser: Nur weil ein Thema nicht im Wahlkampf prominent ist, heißt das nicht, dass es nicht wichtig ist. Der Amazonas wird sich nicht selbst schützen, während die Brasilianer über Sicherheit debattieren.

  • 159 Millionen Brasilianer wählen am Sonntag
  • Umfragen: Lula 45 Prozent, Flávio Bolsonaro knapp dahinter
  • Stichwahl in drei Wochen erwartet
  • Jair Bolsonaro sitzt unter Hausarrest; Verurteilung zu über 27 Jahren Haft
  • Unter Lula: Abholzung auf niedrigsten Stand seit Jahrzehnt; unter Bolsonaro: 12.500 Quadratkilometer 2022

159 Millionen Brasilianer wählen zwischen Lulas Sozialprogrammen und Flávio Bolsonaros Abbau staatlicher Leistungen sowie härterer Kriminalpolitik. Umfragen zeigen enges Rennen: Lula bei 45 Prozent, Flávio Bolsonaro knapp dahinter. Eine Stichwahl in drei Wochen wird erwartet.

Brasilien wählt am Sonntag seinen neuen Präsidenten: Amtsinhaber Lula tritt gegen Flávio Bolsonaro an. Die Wahl wird zur Richtungsentscheidung zwischen linker Sozialpolitik und rechter Sicherheitshärte mit globalen Auswirkungen.

Am Sonntag entscheiden 159 Millionen Brasilianer über die Zukunft ihres Landes – und damit auch über Fragen, die weit über die Grenzen Lateinamerikas hinausreichen. Zur Wahl stehen Luiz Inácio Lula da Silva, der amtierende Präsident, und Flávio Bolsonaro, der älteste Sohn des unter Hausarrest stehenden Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Es ist eine Neuauflage des Namenspaares von vor vier Jahren, doch diesmal mit einem entscheidenden Unterschied: Der Vater sitzt im Gefängnis, der Sohn tritt an.

Flávio Bolsonaro, 45 Jahre alt und Senator der rechten Liberalen Partei, hat sich bei seiner Kandidatenkür bewusst von seinem Vater abgegrenzt. "Ich kann ruhiger, lächelnder, gelassener und moderater sein", sagte er – eine Botschaft, die an Wähler gerichtet ist, die Bolsonaros Stil ablehnen, aber seine Politik unterstützen. Gleichzeitig betonte er: "Aber hier fließt das Blut Bolsonaros." Sein Programm verspricht den Abbau staatlicher Leistungen und ein härteres Vorgehen gegen Kriminalität. Lula hingegen, 80 Jahre alt und von der linken Arbeiterpartei, bewirbt sich um eine vierte Amtszeit. Er will seinen Kurs mit Sozialprogrammen, öffentlichen Investitionen und einer stärkeren staatlichen Rolle fortsetzen.

Die Umfragen deuten auf ein außergewöhnlich enges Rennen hin. Wenige Tage vor der Wahl lag Lula bei 45 Prozent der Wählerstimmen, Flávio Bolsonaro folgte knapp dahinter. Nach den Prognosen wird keiner der beiden die absolute Mehrheit erreichen, die für einen Sieg im ersten Wahlgang nötig wäre. Das bedeutet: Eine Stichwahl in drei Wochen ist wahrscheinlich. Zehn weitere Kandidaten treten an – darunter die Gouverneure Ronaldo Caiado und Romeu Zema sowie der Psychiater und Autor Augusto Cury – doch sie spielen in den Umfragen keine Rolle. Parallel zur Präsidentenwahl werden auch die Abgeordnetenkammer, zwei Drittel des Senats und alle 27 Gouverneure des bevölkerungsreichsten Landes Lateinamerikas neu gewählt. Die Wahl ist in Brasilien verpflichtend.

Sicherheit dominierte den Wahlkampf wie kaum ein anderes Thema. In Brasilien sind Überfälle alltäglich, oft mit tödlichem Ausgang. In den Favelas, den Armenvierteln der großen Städte, kontrollieren mächtige Drogenbanden das Geschehen. Geschlechtsspezifische Gewalt prägt das Leben vieler Menschen. Flávio Bolsonaro setzt auf Härte: Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild von El Salvadors unter Präsident Nayib Bukele, eine niedrigere Altersgrenze für Strafmündigkeit und chemische Kastration für Sexualstraftäter. Lula will dagegen die Finanzstrukturen krimineller Gruppen angreifen.

Korruption wurde ebenfalls zum zentralen Wahlkampfthema. Die Bundespolizei ermittelt gegen milliardenschwere Finanzdelikte und Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit Daniel Vorcaro, dem früheren Eigentümer des Geldhauses Banco Master. Auch gegen Flávio Bolsonaro wird in diesem Fall ermittelt. Hinzu kommt: Alexandre de Moraes, einer der obersten Richter Brasiliens, ist in den Korruptionsskandal verwickelt. Sein Fall hat eine breite Debatte über die Unabhängigkeit und Rolle des Obersten Gerichts ausgelöst.

Das Verhältnis zu den USA spielte ebenfalls eine Rolle. Donald Trump hatte sich einst klar hinter Jair Bolsonaro gestellt und kritisierte scharf dessen Verurteilung zu mehr als 27 Jahren Haft wegen Beteiligung an einem versuchten Staatsstreich. Gleichzeitig hat Trumps Regierung wirtschaftlichen Druck auf Brasilien ausgeübt – mit zusätzlichen Zöllen auf brasilianische Waren. Brasiliens Geheimdienst Abin warnte Ende August vor dem Risiko einer US-Einflussnahme und zunehmendem Druck auf das Land.

Überraschend wenig Aufmerksamkeit erhielt in diesem Wahlkampf ein Thema, das 2022 zentral war: der Schutz des Amazonas. Dabei hat dieser Regenwald globale Bedeutung – er gilt als eine der großen grünen Lungen der Welt. Unter Lula ist die Abholzung auf den niedrigsten Stand seit einem Jahrzehnt gesunken. Der Präsident will illegale Rodungen bis 2030 stoppen, unterstützt aber gleichzeitig die Ölförderung nahe der Amazonasmündung, was ihm Kritik einbringt. Unter Jair Bolsonaro hatte die Abholzung stark zugenommen und 2022 mit 12.500 Quadratkilometern einen Höchststand erreicht. Flávio Bolsonaro hat angekündigt, die Abholzung bis 2029 beenden zu wollen – doch seine enge Verbindung zur Agrarindustrie nährt Zweifel, ob er dieses Versprechen einlösen wird. Der Amazonasschutz ist im Kampf gegen den Klimawandel entscheidend: Die dichte Vegetation nimmt Treibhausgase auf, die sonst die globale Erwärmung verstärken würden.

Ich kann ruhiger, lächelnder, gelassener und moderater sein. Aber hier fließt das Blut Bolsonaros.
— Flávio Bolsonaro bei seiner Kandidatenkür
Möchten Sie die ganze Geschichte? Das Original lesen bei Deutsche Welle ↗
Kontakt FAQ