Flávio Bolsonaro, designierter Erbe seines verurteilten Vaters, könnte nächster Präsident werden und verspricht konservative Werte, weniger Sozialstaat und harte Kriminalpolitik. Frauen könnten Wahlausgang entscheiden: Konservative Wählerinnen unterstützen Bolsonaros traditionelle Werte, während indigene Gemeinschaften Lulas Umwelt- und Klimapolitik bevorzugen.
Brasilien wählt: Kehren die Bolsonaros an die Macht zurück?
Hier fließt Bolsonaro-Blut – aber gemäßigter
Was macht diese Wahl so entscheidend für Brasilien?
Es geht um zwei völlig unterschiedliche Visionen des Landes. Auf der einen Seite konservative Wähler wie Liz de Souza, die traditionelle Werte und weniger Staat wollen. Auf der anderen Seite Menschen wie Neuri Cruz, deren Leben direkt von Umweltpolitik abhängt.
Aber wie sicher sind wir, dass Frauen wirklich die Wahl entscheiden? Der Bericht sagt, sie machen 53 Prozent aus und könnten entscheidend sein – aber das ist eine Möglichkeit, keine Garantie.
Warum hat Flávio Bolsonaro überhaupt eine Chance, wenn sein Vater verurteilt wurde?
Weil sein Vater immer noch eine starke Anhängerschaft hat. Flávio präsentiert sich gemäßigter, aber die Politik bleibt dieselbe. Das reicht vielen Wählern.
Und wir sollten beachten: Sein Vater steht unter Hausarrest, nicht im Gefängnis. Das ist ein wichtiger Unterschied für die politische Dynamik.
Was genau fürchtet Neuri Cruz?
Sie hat erlebt, wie unter Jair Bolsonaro die Abholzung stieg und Umweltmittel gekürzt wurden. Jetzt sieht sie ihren Fluss austrocknen, ihre Mangos reifen nicht. Sie vertraut Flávios Versprechen nicht.
Das ist fair, aber wir sollten unterscheiden: Was ist dokumentiert – die Abholzung unter Jair Bolsonaro – und was ist Prognose – wie Flávio regieren würde. Beides ist wichtig, aber nicht dasselbe.
Spielen religiöse Werte eine große Rolle?
Ja, sehr. Für Liz de Souza sind christliche Werte zentral. Sie sieht in Bolsonaro einen Kandidaten, der das schützt, was ihr Familie bedeutet.
Aber der Bericht zeigt nur eine Familie. Wir wissen nicht, wie repräsentativ diese Sicht für alle konservativen Frauen ist.
Le Pouls
- Flávio Bolsonaro, 45, tritt als Kandidat an; sein Vater Jair ist verurteilt und unter Hausarrest
- Frauen machen 53 Prozent der Wählerschaft aus und könnten Wahlausgang entscheiden
- Unter Jair Bolsonaro stiegen Abholzung und Trockenheit im Amazonas dramatisch
- 2023 sanken Pegelstände im Amazonas dramatisch; Fische starben, Wasserwege wurden unpassierbar
- Stichwahl am 25. Oktober, falls kein Kandidat absolute Mehrheit erreicht
Flávio Bolsonaro, designierter Erbe seines verurteilten Vaters, könnte nächster Präsident werden und verspricht konservative Werte, weniger Sozialstaat und harte Kriminalpolitik. Frauen könnten Wahlausgang entscheiden: Konservative Wählerinnen unterstützen Bolsonaros traditionelle Werte, während indigene Gemeinschaften Lulas Umwelt- und Klimapolitik bevorzugen.
Bei der brasilianischen Präsidentschaftswahl tritt Flávio Bolsonaro, der Sohn des unter Hausarrest stehenden Ex-Präsidenten, an. Die Wahl spaltet das Land zwischen konservativen und progressiven Wählern.
Brasilien wählt heute über eine Frage, die das Land spaltet: Kehren die Bolsonaros an die Macht zurück? Flávio Bolsonaro, der älteste Sohn des unter Hausarrest stehenden Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, tritt als Kandidat an. Sein Vater, verurteilt wegen der Planung eines Putschversuchs nach seiner Wahlniederlage vor vier Jahren, kann selbst nicht kandidieren. Stattdessen hat er seinen Sohn als politischen Erben bestimmt.
Der 45-jährige Flávio war bislang ein unauffälliger Senator im brasilianischen Parlament. Bei Wahlkampfveranstaltungen tanzt er, lacht, lässt sich auf Schultern tragen. Er präsentiert sich gemäßigter im Ton als sein Vater, moderater in der Rhetorik. Doch die Botschaft ist dieselbe: harte Hand gegen Kriminelle, Abbau des Sozialstaats, konservative Werte. "Ich mag ruhiger sein, mehr lächeln, gelassener und moderater wirken. Aber hier - hier fließt Bolsonaro-Blut", sagte er kürzlich. Gott, Vaterland, Familie – das sind die Säulen seiner Kampagne.
In einem Vorort von Brasília lebt Liz de Souza, 42 Jahre alt, mit ihrem Mann José und sechs Kindern. Sie trägt eine Schürze über ihrem rosa Kleid, der Duft von frisch gebackenem Kuchen erfüllt das Haus. Am Esstisch spricht der Vater das Gebet. De Souza findet unter Lulas Arbeiterpartei hätten sich die Werte des Landes in die falsche Richtung verschoben. Sie lehnt Abtreibung ab, mit Feminismus kann sie wenig anfangen. "Der schadet Frauen, weil er die Frau in etwas verwandeln will, was sie nicht ist", sagt sie. "Ich glaube, dass die Frau näher bei den Kindern und am Haus sein sollte, weil wir von Natur aus so sind, dass wir uns kümmern wollen." Bei Flávio Bolsonaro findet sie wieder, was ihr wichtig ist: christliche Werte, traditionelle Familienbilder, weniger Steuern, wirtschaftliche Freiheit. Sie wünscht sich auch mehr Entscheidungsfreiheit beim Unterricht ihrer Kinder – Homeschooling ist in Brasilien bislang nicht gesetzlich geregelt.
Frauen machen 53 Prozent der brasilianischen Gesellschaft aus und könnten die Wahl entscheiden. Lange wählten Frauen eher links, doch das ändert sich. Konservative wie de Souza hätten aus Angst vor dem Urteil der progressiven Linken geschwiegen, sagt sie. Jetzt spüre sie Aufwind.
Rund 2.000 Kilometer entfernt, am Rio Negro mitten im Amazonas, lebt Neuri Cruz, ebenfalls 42 Jahre alt. Sie gehört zu den indigenen Kambeba, für die Wald und Fluss Lebensgrundlage sind. "Die Natur gibt uns alles, ohne dass wir noch etwas anderes brauchen. Mit der Natur zu leben, macht uns immer stark", sagt sie. Sie läuft in Flip-Flops und T-Shirt durch das 600-Einwohner-Dorf. Seit drei Monaten hat es nicht geregnet, die Mangos bleiben unreif. Brandgeruch liegt in der heißen Luft. Seit Jahren erleben die Bewohner extreme Trockenheit. 2023 sanken die Pegelstände in der Amazonasregion dramatisch, Fische starben, Wasserwege wurden unpassierbar.
Cruz sorgt sich vor einer Rückkehr der Bolsonaro-Politik, besonders wegen der Umwelt- und Klimapolitik. Flávio Bolsonaro stellt den entscheidenden Einfluss des Menschen auf den Klimawandel infrage und beschreibt Hitze, Starkregen und Dürren vor allem als zyklische Extremereignisse. Für Cruz ist die Vorstellung einer Rückkehr beängstigend. "Den Klimawandel spürt nur, wer im Amazonas lebt. Wir sind diejenigen, die davon betroffen sind. Wer in einem Büro mit Klimaanlage sitzt, wer es sich in Brasília gutgehen lässt, wird das nicht spüren." Zwar verspricht Flávio Bolsonaro, die illegale Entwaldung bis 2029 auf null zu bringen. Doch unter seinem Vater wurden Mittel für Umwelt- und Klimaschutz gekürzt, die Abholzung im Amazonas stieg stark.
Während der Corona-Pandemie musste Brasiliens Oberstes Gericht die Regierung verpflichten, einen Schutzplan für indigene Gemeinden vorzulegen und deren Gesundheitsversorgung sicherzustellen. "Da kommen all diese Erinnerungen zurück, vor allem an 2020 und all das Leid. Sehr viele Menschen sind gestorben", sagt Cruz. Dass ihr Dorf heute mit Medikamenten beliefert wird, verdanken sie den Programmen der Lula-Regierung. Die unterstütze Indigene auch mit Stipendien, die jungen Menschen aus der Gemeinde ein Studium ermöglichten. Für Cruz ist ihre Wahl entschieden: Wer wolle, "dass wir unser Wasser, unser Land und vor allem unseren Wald erhalten können", der müsse Lula wählen.
Am Abend versammelt sich Cruzs Dorf zu einem Ritual. Feuer und Trommeln, leiser Gesang. Gleichzeitig versammelt sich Familie de Souza in ihrer Kirche und betet für ihren Kandidaten Bolsonaro. Der Ausgang der Wahl heute ist offen. Erreicht einer der beiden Kandidaten nicht die absolute Mehrheit, wird es am 25. Oktober eine Stichwahl geben.
Citations marquantes
Ich mag ruhiger sein, mehr lächeln, gelassener und moderater wirken. Aber hier - hier fließt Bolsonaro-Blut.— Flávio Bolsonaro
Den Klimawandel spürt nur, wer im Amazonas lebt. Wer in einem Büro mit Klimaanlage sitzt, wird das nicht spüren.— Neuri Cruz, indigene Kambeba-Bewohnerin