In einem Land, das seit Jahrzehnten zwischen sozialer Hoffnung und konservativem Beharrungswillen pendelt, hat Brasilien erneut keine eindeutige Antwort gegeben: Weder der greise Reformer Lula noch der junge Erbe des Bolsonaro-Lagers konnten die absolute Mehrheit erringen. Am 25. Oktober entscheidet die Stichwahl nicht nur über das größte Land Lateinamerikas, sondern über die politische Seele eines ganzen Kontinents.
Brasilien: Lula und Bolsonaro-Sohn treten in Stichwahl an
Brasilien will Veränderung, erklärte der Herausforderer
Warum überrascht Bolsonaros Ergebnis so viele Beobachter? Die Umfragen lagen doch deutlich daneben.
Die Umfragen hatten Lula mit etwa drei Prozentpunkten vorn gesehen. Bolsonaro kam aber auf 47,4 Prozent gegen Lulas 44,6 Prozent. Das ist eine erhebliche Abweichung. Manche Analysten vermuten, dass Wähler ihre Absichten nicht vollständig offenbarten oder dass die Stichproben nicht repräsentativ waren.
Aber wir sollten vorsichtig sein: Das ist eine Abweichung, ja, aber wir wissen nicht genau, warum sie entstanden ist. Umfragefehler passieren. Wir können nicht sicher sagen, ob es Verheimlichung, Stichprobenprobleme oder etwas anderes war.
Was bedeutet diese Stichwahl für Lateinamerika insgesamt?
Die Wahl wird als Richtungswahl für die Region betrachtet. Ein Bolsonaro-Sieg würde den Rechtsruck verstärken, den mehrere Länder in den vergangenen Jahren durchgemacht haben. Ein Lula-Sieg würde Brasilien als linke Bastion neben Mexiko bewahren.
Das ist richtig charakterisiert, aber wir sollten beachten: Das ist eine Interpretation von Beobachtern, nicht eine garantierte Folge. Ein Wahlergebnis in Brasilien beeinflusst andere Länder, aber es bestimmt sie nicht automatisch.
Wie steht es um Jair Bolsonaro, den früheren Präsidenten?
Er sitzt in Hausarrest und wurde zu 27 Jahren Haft wegen eines versuchten Staatsstreichs verurteilt. Die Bolsonaro-Familie sieht ihn als politischen Gefangenen.
Das ist wichtig zu unterscheiden: Die Verurteilung ist ein Fakt. Die Charakterisierung als "politischer Gefangener" ist die Sicht der Familie und ihrer Unterstützer. Das sollten wir klar trennen.
Welche Themen haben den Wahlkampf geprägt?
Sorgen über die schwächelnde Wirtschaft, Korruptionsskandalen und Vorwürfe einer Einmischung der USA. Die Staatsverschuldung liegt bei über 82 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Die USA haben ihre Konsulardienste aus Sicherheitsgründen geschlossen, aber der Wahlgerichtspräsident sagte, dass Geheimdienstberichte keine konkreten Hinweise auf ausländische Einflussnahme ergeben hätten. Das ist ein wichtiger Punkt: Es gab Vorwürfe, aber bislang keine verifizierten Belege.
Le Pouls
- Bolsonaro überflügelte alle Umfragen und zwang den amtierenden Präsidenten Lula in eine Stichwahl, die dieser eigentlich vermeiden wollte.
- Die frühen Auszählungen aus dem bolsonaro-freundlichen Süden täuschten zunächst über ein noch deutlicheres Ergebnis hinweg – erst Lulas Hochburg im Nordosten bremste den Vorsprung.
- Hinter dem Duell steckt mehr als Wahlkampf: Jair Bolsonaro sitzt unter Hausarrest, seine Familie feiert Senatserfolge, und seine Anhänger sehen ihn als politischen Märtyrer.
- Lula gesteht die Überraschung ein und kündigt einen neuen Wahlkampf an, während Bolsonaro den Volkswillen zur Veränderung für sich reklamiert.
- Die Wahl gilt als Richtungsentscheidung für Lateinamerika – ein Sieg Bolsonaros würde den Rechtsruck in der Region beschleunigen, ein Sieg Lulas Brasilien als linke Bastion erhalten.
- Geheimdienstberichte fanden bislang keine Belege für ausländische Einflussnahme, obwohl die USA kurz vor der Wahl ihre Konsulate aus Sicherheitsgründen schlossen.
In einem Land, das seit Jahrzehnten zwischen sozialer Hoffnung und konservativem Beharrungswillen pendelt, hat Brasilien erneut keine eindeutige Antwort gegeben: Weder der greise Reformer Lula noch der junge Erbe des Bolsonaro-Lagers konnten die absolute Mehrheit erringen. Am 25. Oktober entscheidet die Stichwahl nicht nur über das größte Land Lateinamerikas, sondern über die politische Seele eines ganzen Kontinents.
Brasiliens Präsidentschaftswahl endet ohne Sieger im ersten Durchgang. Nach Auszählung von 97 Prozent der Stimmen liegt der rechte Herausforderer Flávio Bolsonaro mit 47,4 Prozent knapp vor dem amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva mit 44,6 Prozent – die nötige absolute Mehrheit erreichte keiner der beiden. Am 25. Oktober kommt es zur Stichwahl.
Das Ergebnis kam für viele überraschend: Umfragen hatten Lula mit rund drei Prozentpunkten Vorsprung gesehen. In frühen Teilauszählungen hatte Bolsonaro sogar kurzzeitig die 50-Prozent-Marke überschritten, bevor die Stimmen aus dem nordöstlichen Lula-Lager das Bild korrigierten. Der 80-jährige Amtsinhaber räumte ein, mit einem Sieg im ersten Wahlgang gerechnet zu haben – nun beginne ein neuer Wahlkampf.
Flávio Bolsonaro, 45 Jahre alt und Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro, tritt als Erbe eines politischen Lagers an, das trotz aller Widrigkeiten geeint wirkt. Jair Bolsonaro selbst sitzt unter Hausarrest und wurde wegen eines versuchten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft verurteilt – seine Anhänger sehen ihn als politischen Gefangenen. Auch andere Familienmitglieder feierten Wahlerfolge: Michelle Bolsonaro zog in den Senat von Brasília ein, Carlos Bolsonaro sicherte sich einen Sitz in Santa Catarina.
Die Stichwahl gilt weit über Brasilien hinaus als Richtungsentscheidung. Ein Sieg Bolsonaros würde den Rechtsruck in Lateinamerika weiter verstärken, während Lula das Land als große linke Kraft in der Region erhalten will. Rund 159 Millionen Brasilianer waren zur Wahl aufgerufen – geprägt von Sorgen über Wirtschaftsschwäche, Korruption und Vorwürfen ausländischer Einmischung, für die der Geheimdienstbericht bislang jedoch keine konkreten Belege lieferte.
Die brasilianische Präsidentschaftswahl wird nicht im ersten Wahlgang entschieden. Nach Auszählung von 97 Prozent der Stimmen führt der rechte Herausforderer Flávio Bolsonaro mit 47,4 Prozent vor dem amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva, der auf 44,6 Prozent kommt. Keiner der beiden hat die erforderliche absolute Mehrheit von über 50 Prozent erreicht. Am 25. Oktober treten die beiden stärksten Kandidaten in einer Stichwahl gegeneinander an.
Bolsonaros Ergebnis überraschte politische Beobachter erheblich. Umfragen vor der Wahl hatten Lula mit etwa drei Prozentpunkten Vorsprung vorhergesagt. In den frühen Teilauszählungen hatte Bolsonaro sogar über 50 Prozent erreicht, doch dieses Bild verschob sich, als die Stimmen aus dem Nordosten des Landes, Lulas Hochburg, vollständiger ausgezählt wurden. Die südlichen Bundesstaaten, die Bolsonaro eher zugeneigt sind, hatten ihre Ergebnisse schneller gemeldet.
Der 80 Jahre alte Lula strebt seine vierte Amtszeit an. Sein Gegner ist der 45-jährige Flávio Bolsonaro, Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro. Der Ex-Präsident sitzt derzeit in Hausarrest und wurde zu 27 Jahren Haft wegen eines versuchten Staatsstreichs verurteilt. Die Bolsonaro-Familie und ihre Anhänger sehen ihn als politischen Gefangenen. Jair Bolsonaro war ein enger Verbündeter von US-Präsident Donald Trump.
Lula räumte ein, dass das Wahlergebnis unerwartet kam. Er habe damit gerechnet, die Wahl bereits im ersten Durchgang zu gewinnen, sagte der Amtsinhaber. Nun beginne ein neuer Wahlkampf, und sein Herausforderer bedeute Ungewissheit für das Land. Bolsonaro zeigte sich dagegen sehr zufrieden und erklärte, Brasilien wolle Veränderung. Lula von der Arbeiterpartei PT will seine Politik mit Sozialprogrammen und öffentlichen Investitionen fortsetzen. Bolsonaro von der Liberalen Partei PL verspricht einen schlankeren Staat und härteres Vorgehen gegen Kriminalität.
Die Wahl in Brasilien wird als Richtungswahl für die gesamte Region betrachtet. Ein Sieg Bolsonaros würde den Rechtsruck in Lateinamerika weiter vorantreiben. In den vergangenen Jahren waren mehrere Länder durch Wahlen deutlich nach rechts gerückt. Ein Sieg Lulas würde Brasilien dagegen neben Mexiko als große linke Bastion in der Region erhalten. Rund 159 Millionen Brasilianer waren zur Wahl aufgerufen. Neben dem Präsidenten und seinem Vize wurden auch Abgeordnete, Senatoren und Gouverneure gewählt. Der Wahlkampf war geprägt von Sorgen über die schwächelnde Wirtschaft, Korruptionsskandalen und Vorwürfen einer Einmischung der USA. Die Staatsverschuldung liegt bei über 82 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Andere Mitglieder der Bolsonaro-Familie konnten bereits Wahlerfolge verbuchen. Die frühere First Lady Michelle Bolsonaro wurde im Bundesdistrikt Brasília in den Senat gewählt. Carlos Bolsonaro, ein weiterer Sohn des früheren Präsidenten, gewann ebenfalls einen Senatssitz im südlichen Bundesstaat Santa Catarina. Der Präsident des obersten Wahlgerichts TSE, Nunes Marques, erklärte bei einer Pressekonferenz, dass Geheimdienstberichte bislang keine konkreten Hinweise auf ausländische Einflussnahme auf die Wahl ergeben hätten. Diese Aussage kam, nachdem die USA am Freitag ihre Konsulardienste in dem südamerikanischen Land aus Sicherheitsgründen geschlossen hatten.
Citations marquantes
Lula räumte ein, dass das Ergebnis unerwartet kam und er damit gerechnet habe, die Wahl bereits im ersten Durchgang zu gewinnen— Luiz Inácio Lula da Silva, amtierender Präsident
Bolsonaro erklärte, Brasilien wolle Veränderung— Flávio Bolsonaro, Herausforderer