BR-Recherche: 54 Pestizid-Wirkstoffe scheiterten bei EU-Prüfung – Kommission will Kontrollen abschaffen

Chlorpyrifos kann die Gehirnentwicklung von Kindern schädigen; weitere Wirkstoffe bergen unbekannte Risiken für menschliche Gesundheit und Umwelt.
Man weiß nicht, wie viele Panikknöpfe gedrückt werden müssen
Ökotoxikologin Vijver kritisiert die geplante Umstellung auf anlassbezogene Prüfungen statt regelmäßiger Kontrollen.
Mark

Warum ist das Wiederzulassungsverfahren überhaupt so wichtig? Wenn ein Pestizid einmal sicher genug war, um es zu verkaufen, warum muss man es alle zehn Jahre neu prüfen?

Mimi

Weil sich die Wissenschaft entwickelt. Chlorpyrifos war Jahrzehnte lang im Einsatz, bis Forscher herausfanden, dass es die Gehirnentwicklung von Kindern schädigt. Das wusste man bei der Erstzulassung nicht. Ohne Wiederbewertung wäre der Stoff noch heute auf den Feldern.

Luke

Aber die Frage ist: Wie oft passiert das wirklich? Die Analyse zeigt 54 Wirkstoffe, die durchfielen – von 241. Das ist etwa ein Fünftel. Sind das die Ausnahmen oder das Normale?

Mimi

Es sind nicht die Ausnahmen. Und hinzu kommen 111 Wirkstoffe, bei denen die Hersteller gar nicht erst einen Antrag stellten, weil sie wussten, dass sie nicht bestehen würden. Das System funktioniert als Warnsystem.

Mark

Die Kommission sagt aber, dass das System zu langsam ist und neue innovative Wirkstoffe nicht geprüft werden können. Ist das nicht auch ein echtes Problem?

Luke

Das ist ein echtes Problem – aber es ist ein anderes Problem. Man könnte die Prüfungen beschleunigen, ohne sie abzuschaffen. Die Kommission schlägt vor, stattdessen nur noch anlassbezogene Prüfungen zu machen. Aber wer entscheidet, wann ein Anlass vorliegt?

Mimi

Genau. Die Kommission hat in der Vergangenheit sehr selten solche Verfahren eingeleitet, obwohl es wissenschaftliche Hinweise gab. Die Ökotoxikologin Vijver sagt, man wisse nicht, wie viele Alarmsignale nötig sind, bis die Behörden handeln.

Mark

Also ist das Risiko, dass gefährliche Stoffe einfach weiterlaufen, weil niemand aktiv wird?

Luke

Das ist das Risiko, ja. Aber wir sollten auch sagen: Wir wissen nicht, wie oft das passiert wäre. Die Kommission könnte argumentieren, dass sie bisher gut aufgepasst hat. Das ist nicht bewiesen oder widerlegt.

Mimi

Die Leopoldina sagt aber, dass das Schutzniveau nicht mehr gewahrt werden kann. Das ist eine sehr starke Aussage von einer Institution, die normalerweise sehr zurückhaltend ist.

Mark

Und die Landwirte? Warum unterstützen sie die Deregulierung?

Mimi

Weil viele Wirkstoffe verschwunden sind. Besonders in Nischen wie Obst- und Gemüseanbau gibt es kaum noch Alternativen. Die Industrie findet es nicht lukrativ, diese Stoffe durch die teure Neubewertung zu bringen.

Luke

Das ist auch ein echtes Problem – aber es ist wieder ein anderes Problem. Man könnte die Neubewertung billiger machen, statt sie abzuschaffen.

  • 54 Pestizid-Wirkstoffe scheiterten seit 2011 bei EU-Wiederzulassung
  • Chlorpyrifos wurde verboten, nachdem sich herausstellte, dass es die Gehirnentwicklung von Kindern schädigt
  • EU-Kommission plant, regelmäßige Prüfungen durch anlassbezogene Verfahren zu ersetzen
  • 111 weitere Wirkstoffe wurden nicht zur Neubewertung eingereicht, weil Hersteller die Kosten scheuten

Über 50 Pestizide wurden bei Neubewertung als zu gefährlich eingestuft, darunter Chlorpyrifos, das Kinderentwicklung schädigt. Die EU-Kommission plant, Pestizide einmal zuzulassen und dann unbefristet zu genehmigen – statt regelmäßig neu zu prüfen.

BR-Recherche zeigt: 54 Pestizid-Wirkstoffe scheiterten seit 2011 bei EU-Wiederzulassung. Die EU-Kommission will diese regelmäßigen Kontrollen abschaffen – Wissenschaftler und Umweltschützer warnen vor Risiken.

Die Europäische Kommission plant eine Regeländerung, die das Prüfverfahren für Pestizide grundlegend umgestalten würde. Statt Wirkstoffe regelmäßig neu zu bewerten, sollen sie künftig einmal zugelassen werden und dann unbegrenzt gültig bleiben. Eine Datenanalyse des Bayerischen Rundfunks zeigt nun, warum diese Idee Wissenschaftler und Umweltschützer in Alarmbereitschaft versetzt: Seit 2011 sind 54 Pestizid-Wirkstoffe bei ihrer Neubewertung durchgefallen – weil sie sich als gefährlicher erwiesen haben als bei ihrer ursprünglichen Zulassung angenommen.

Das aktuelle System funktioniert so: Ein Pestizid wird zugelassen, dann nach zehn bis 15 Jahren neu bewertet. Die Behörden prüfen, ob der Stoff nach aktuellem Forschungsstand noch sicher ist. Die BR-Analyse erfasste alle 241 konventionellen Wirkstoffe, für die seit Juni 2011 eine Wiederzulassung anstand. Das Ergebnis ist eindeutig: 54 dieser Stoffe wurden nicht erneut genehmigt. Bei zwei weiteren konnte ein Risiko nicht ausgeräumt werden. Hinzu kommen 111 Wirkstoffe, bei denen die Hersteller gar nicht erst einen Antrag auf Verlängerung stellten oder das Verfahren abbrachen – weil sie die Neubewertung für zu teuer oder zu aufwendig hielten, oder weil sie bereits wussten, dass ihre Stoffe die strengeren Anforderungen nicht erfüllen würden.

Ein Beispiel zeigt die Tragweite dieser Kontrollen: Das Insektizid Chlorpyrifos wurde jahrzehntelang gegen Schädlinge in Obst-, Gemüse- und Getreideanbau eingesetzt. Bei der Neubewertung stellte sich heraus, dass der Stoff die Gehirnentwicklung von Kindern schädigen kann. Seit 2020 ist er in der EU verboten. Ohne das Wiederzulassungsverfahren wäre er vermutlich noch heute auf den Feldern. Ähnlich erging es den Neonikotinoiden, die für Bienen gefährlich sind – auch sie wurden erst im Wiederzulassungsverfahren endgültig verboten.

Die Kommission begründet ihren Reformvorschlag aus dem Dezember 2025 mit Bürokratieabbau. Das aktuelle System sei nicht mehr praktikabel, es führe zu chronischen Verzögerungen, die Kapazitäten bänden und neue innovative Wirkstoffe jahrelang nicht geprüft würden. Künftig sollen nur wenige Stoffe, die bereits als besonders problematisch gelten, regelmäßig überprüft werden. Die Sicherheit soll durch anlassbezogene Prüfungen gewährleistet werden – also nur dann, wenn neue Bedenken auftauchen.

Doch genau hier liegt das Problem, das Experten sehen: Die Kommission hat in der Vergangenheit nur selten solche Verfahren eingeleitet, obwohl es wissenschaftliche Hinweise gab. Martina Vijver, Ökotoxikologin an der Universität Leiden, sagt: Man könne nicht im Voraus wissen, wo versteckte Gefahren lägen. Deshalb müsse das Wiederzulassungsverfahren beibehalten werden. Sie kritisiert auch die Unklarheit des Artikel-21-Verfahrens, das die Kommission als Ersatz anbietet: "Als Wissenschaftler weiß man nicht, wie viele Panikknöpfe gedrückt werden müssen, damit Behörden aktiv werden."

Die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, äußert sich ungewöhnlich scharf kritisch: Das Gesetzesvorhaben gefährde das aktuelle Schutzniveau für Mensch und Umwelt. Ein breites Bündnis europäischer Umwelt- und Verbraucherschutzverbände protestiert. Moritz Tapp vom Umweltinstitut München nennt den Vorschlag "einen noch nie dagewesenen Angriff auf unsere Umwelt, unsere Gesundheit und unsere Natur".

Auf der anderen Seite stehen Landwirtschaft und Industrie. Hermann Greif vom Bayerischen Bauernverband beklagt, dass viele Wirkstoffe durch die komplexe Wiederzulassung verschwunden sind – besonders in Nischen wie Obst- und Gemüseanbau, weil sie für die Industrie nicht mehr lukrativ waren. Frank Gemmer, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Agrar, argumentiert, dass auch andere gefährliche Substanzen wie Alkohol oder Benzol nicht verboten seien. Wenn man das Risiko managen könne, sollte man auch problematische Wirkstoffe zulassen dürfen.

Das Gesetzgebungsverfahren läuft noch. Der Rat der EU hat kürzlich seine Position vorgelegt: Er will an befristeten Zulassungen festhalten, aber die Laufzeit auf bis zu 25 Jahre verlängern. Das Europäische Parlament wollte ursprünglich im Oktober abstimmen, rechnet aber wegen zahlreicher Änderungsvorschläge nicht mehr mit einer Entscheidung in diesem Jahr. Die Debatte zwischen Deregulierung und Vorsichtsprinzip wird sich noch hinziehen.

Man könne nicht im Voraus wissen, wo versteckte Gefahren lägen. Deshalb müsse das Wiederzulassungsverfahren beibehalten werden.
— Martina Vijver, Ökotoxikologin, Universität Leiden
Das aktuelle Schutzniveau für Mensch und Umwelt kann dann nicht mehr gewahrt werden.
— Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften
Vuoi la storia completa? Leggi l'originale su tagesschau ↗
Contattaci Domande frequenti