Wähler müssen sich erstmals biometrisch ausweisen und ihre Stimmzettel werden sofort eingescannt – eine Reaktion auf jahrelange Manipulationen bei Wahlen. 86 Prozent der Befragten befürworten neue Wahltechnologien unabhängig von Landesteil oder ethnischer Herkunft, wie Umfragen zeigen.
Bosnien wählt mit Fingerabdruck und Stimmzettelscanner gegen Wahlmanipulation
Es liegt in unserer DNA
Warum braucht Bosnien überhaupt biometrische Ausweise zum Wählen? Das klingt nach einem großen technischen Aufwand.
Weil bei früheren Wahlen etwa 5.000 Stimmen im Namen verstorbener Menschen abgegeben wurden. Das ist kein Einzelfall – es ist ein bekanntes, wiederholtes Problem.
Aber 5.000 Stimmen – wie viele Wähler gibt es insgesamt? Ist das ein großer Anteil oder eher marginal?
Das ist eine gute Frage. Die Quelle nennt nur die 5.000 Stimmen, nicht die Gesamtzahl der Wähler. Es könnte also marginal sein oder auch nicht.
Und die Bevölkerung unterstützt das wirklich? 86 Prozent ist eine hohe Zahl.
Ja, aber das ist eine Umfrage von Pod Lupom selbst, der Organisation, die die Technologie bewirbt. Das sollte man im Hinterkopf behalten.
Genau. Und die Umfrage sagt, dass 86 Prozent neue Technologien wollen – aber nicht unbedingt diese spezifische Methode mit Fingerabdrücken und Scannern.
Was ist mit den älteren Menschen? Werden sie damit klarkommen?
Das ist offen. Pod Lupom versucht, sie vorzubereiten, aber ob das funktioniert, werden wir erst am Sonntag sehen.
Und die ethnische Spaltung – wird die Technik das Problem lösen?
Nein. Die Technik bekämpft Betrug, aber nicht die politischen Konflikte, die in der Verfassung selbst verankert sind.
Genau. Die HDZ will, dass Kroaten und Bosniaken getrennt abstimmen – das ist ein anderes Problem, das Fingerabdrücke nicht lösen.
El Pulso
- Erstmals biometrische Ausweise und Stimmzettelscanner bei Wahl in Bosnien und Herzegowina
- Etwa 5.000 Stimmen im Namen verstorbener Menschen bei Wahl vor vier Jahren
- 86 Prozent der Befragten befürworten neue Wahltechnologien
- 200.000 bis 300.000 Menschen in der Föderation würden bei getrennter Abstimmung kein Wahlrecht haben
Wähler müssen sich erstmals biometrisch ausweisen und ihre Stimmzettel werden sofort eingescannt – eine Reaktion auf jahrelange Manipulationen bei Wahlen. 86 Prozent der Befragten befürworten neue Wahltechnologien unabhängig von Landesteil oder ethnischer Herkunft, wie Umfragen zeigen.
Bosnien und Herzegowina setzt bei der Wahl am Sonntag erstmals biometrische Ausweise und Stimmzettelscanner ein, um Wahlmanipulationen zu bekämpfen. Die Bevölkerung unterstützt die neuen Technologien mehrheitlich.
Am Sonntag wählt Bosnien und Herzegowina sein Parlament, sein dreiköpfiges Staatspräsidium und seine Regionalregierungen – und zum ersten Mal wird dabei Technologie eingesetzt, die Wahlbetrug erschweren soll. In einem Einkaufszentrum in Ilidza bei Sarajevo hat die Nichtregierungsorganisation Pod Lupom ein Musterstimmlokal aufgebaut, um Wähler mit dem neuen Verfahren vertraut zu machen: Fingerabdruckleser und Stimmzettelscanner. Die Wähler müssen sich biometrisch ausweisen, ihre ausgefüllten Stimmzettel werden sofort gescannt und die Stimmen elektronisch erfasst. Für ältere Menschen wirkt das Prozedere zunächst kompliziert, doch Hasan Kamenjakovic von Pod Lupom berichtet, dass eine große Mehrheit der Bevölkerung die neuen Technologien befürwortet – unabhängig davon, in welchem Landesteil sie leben oder welcher ethnischen Gruppe sie angehören. Umfragen der Organisation zeigen, dass 86 Prozent der Befragten solche Technologien in den Wahllokalen sehen wollen.
Der Grund für diese Unterstützung liegt in der Geschichte von Bosniens Wahlen. Wahlbeobachter dokumentieren regelmäßig Unregelmäßigkeiten. Bei der Wahl vor vier Jahren wurden schätzungsweise etwa 5.000 Stimmen im Namen bereits verstorbener Menschen abgegeben. Tanja Topic, Politikwissenschaftlerin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Banja Luka, sieht in der neuen Technik einen Wendepunkt. Sie beschreibt sie als "das erste Zeichen und die erste Garantie" für einen "langen Weg zur Befreiung von der Korruption und Betrug bei der Wahl". Topic erwartet kein Wunder und rechnet auch diesmal mit vielen ungültigen Stimmen, aber sie ist überzeugt, dass der Prozess "viel sauberer, viel transparenter" werden wird.
Auch unter jungen Wählern findet die Initiative Unterstützung. Eren Burazerovic, ein 18-jähriger Schüler aus Sarajevo, vertraut auf die neuen Technologien. Er gibt zu, dass er das komplizierte Politiksystem seines Landes kaum versteht – ein Problem, das seiner Meinung nach auch für erfahrenere Menschen schwierig ist. Er rechnet damit, dass er "ein oder zwei Wahlen" brauchen wird, um wirklich zu begreifen, wofür er abstimmt und wer die meiste Macht hat.
Doch während die Technik einen Schritt nach vorne darstellt, zeigt sich bei dieser Wahl ein tieferes Problem des Landes: die ethnische Spaltung, die in das politische System eingewoben ist. Zur Wahl stehen sechs staatliche Ebenen. Das dreiköpfige Staatspräsidium wird nach ethnischen Linien besetzt – ein Vertreter aus dem überwiegend serbischen Landesteil Republika Srpska, zwei aus der Föderation Bosnien und Herzegowina, wo hauptsächlich Bosniaken und Kroaten leben. Die kroatisch-nationalistische Partei HDZ versucht seit Jahren, die Abstimmung über die Staatsspitze in der Föderation zu spalten, sodass Kroaten und Bosniaken getrennt wählen würden.
Josip Brkic, ein Politiker der HDZ, verteidigt diese Position als natürlich: Bei der letzten Volkszählung hätten sich 97,6 Prozent der Bevölkerung einer dieser drei Identitäten zugeordnet – Bosniaken, Serben oder Kroaten. "Deshalb ist diese Zugehörigkeit zu einem der drei konstituierenden Völker so stark in das politische System eingebettet. Es liegt in unserer DNA", sagt er. Doch eine getrennte Abstimmung hätte Konsequenzen für Menschen, die sich anders identifizieren. Haris Zahiragic von der größten bosniakischen Partei SDA stellt die kritische Frage: Wenn die HDZ zwei separate Wahlurnen fordert, würden dann 200.000 bis 300.000 Menschen in der Föderation, die sich weder als Bosniaken noch als Kroaten definieren, kein Wahlrecht haben? Die ethnische Spaltung, die das Land seit Jahrzehnten prägt, wird durch die neuen Technologien nicht gelöst – sie bleibt ein zentrales Konfliktfeld, auch nach dieser Wahl.
Citas Notables
Das erste Zeichen und die erste Garantie für einen langen Weg zur Befreiung von der Korruption und Betrug bei der Wahl— Tanja Topic, Politikwissenschaftlerin der Friedrich-Ebert-Stiftung
Sie schlagen zwei Wahlurnen vor und wollen, dass 200.000 bis 300.000 Menschen kein Wahlrecht haben?— Haris Zahiragic, Politiker der SDA