Äthiopiens Tigray-Konflikt: Droht ein regionaler Stellvertreterkrieg?

Der vorangegangene Tigray-Krieg (2020-2022) führte zu massiven Verlusten; aktuelle Auswirkungen der neuen Kämpfe werden nicht quantifiziert.
Ein Flächenbrand in der Region könnte aufgrund der vielen Konfliktlagen entstehen
Susanne Stollreiter warnt vor einer Regionalisierung des Tigray-Konflikts am Horn von Afrika.
Mark

Warum ist das mehr als nur ein innenpolitischer Konflikt in Äthiopien?

Mimi

Weil jeder Nachbar eine Hand im Spiel hat. Sudan unterstützt die TPLF, Äthiopien trainiert sudanesische Milizen, Eritrea könnte auch dabei sein. Es sind nicht isolierte Kämpfe – es sind vernetzte Konflikte.

Luke

Aber wie sicher sind diese Vorwürfe wirklich? Die ENDF wirft Sudan vor, die TPLF zu unterstützen, Sudan dementiert und wirft Äthiopien vor, die RSF zu trainieren. Wer hat recht?

Mimi

Das ist genau das Problem. Es gibt handfeste Beweise für das Trainingslager in Äthiopien – Reuters hat das 2026 berichtet. Für Eritreas Rolle gibt es aber nur Vermutungen.

Mark

Und die Golfstaaten – spielen die auch eine Rolle?

Mimi

Die VAE trainieren und finanzieren die RSF, arbeiten aber eng mit Äthiopien zusammen. Saudi-Arabien scheint weniger involviert zu sein. Es ist kompliziert.

Luke

Also kein klassischer Stellvertreterkrieg zwischen den Golfstaaten?

Mimi

Nicht nach aktuellem Stand. Taylor von der ICG sagt, die VAE unterstützen Addis Abeba zu stark, als dass Saudi-Arabien dagegen antreten könnte.

Mark

Was passiert, wenn sich das ändert?

Mimi

Dann könnte es wirklich zu einem Flächenbrand werden. Die Region ist bereits instabil – der Jemen, die Huthi-Drohungen, der Sudan. Ein ausgeweiteter Konflikt in Äthiopien könnte alles zusammenbringen.

Luke

Aber das ist noch nicht passiert. Eine Woche nach Kriegsbeginn gibt es noch keine Anzeichen für direkte Beteiligung von Sudan oder RSF in Äthiopien.

Mimi

Richtig. Das Risiko ist groß, aber die Eskalation hat noch nicht stattgefunden.

  • Drei Milizen unter TPLF-Führung kämpfen seit einer Woche gegen äthiopische Nationalkräfte
  • Tigrayische Exilkämpfer ("Army 70") kämpfen auf sudanesischer Seite; Äthiopien trainiert RSF-Kämpfer in Benishangul-Gumuz
  • Sudan, Eritrea und Ägypten dementieren Unterstützung der TPLF; Äthiopien dementiert RSF-Training
  • VAE unterstützen RSF mit Ausbildern und Mitteln; Saudi-Arabien leistet keine starke Unterstützung für Oppositionsgruppen

Die ENDF wirft Sudan, Eritrea und Ägypten vor, die TPLF-geführte Rebellenkoalition zu unterstützen – alle Länder dementieren. Äthiopien soll RSF-Kämpfer in der Grenzregion trainieren, während tigrayische Exilkämpfer auf sudanesischer Seite kämpfen.

Äthiopiens Armee beschuldigt Nachbarstaaten, Rebellen in Tigray zu unterstützen, während sie selbst sudanesische Milizen trainiert. Experten warnen vor Eskalation zu einem regionalen Konflikt am Horn von Afrika.

Die äthiopische Armee beschuldigt ihre Nachbarn, Rebellen zu bewaffnen und auszubilden. Sudan, Eritrea und Ägypten weisen die Vorwürfe zurück – und erheben ihrerseits Anschuldigungen gegen Addis Abeba. Eine Woche nach Beginn der Kämpfe im Norden Äthiopiens zeigt sich ein Muster, das über die Grenzen des Landes hinausweist: Jeder Akteur scheint in mehreren Konflikten gleichzeitig die Hand zu haben, und niemand will zugeben, welche.

Drei Milizen unter Führung der Tigrayischen Volksbefreiungsfront, der TPLF, kämpfen gegen die äthiopischen Nationalen Streitkräfte. Feldmarschall Birhanu Jula, der Oberbefehlshaber der ENDF, machte Sudan, Eritrea und Ägypten für die Unterstützung dieser Koalition verantwortlich. Kairo dementierte sofort. Khartum nannte die Vorwürfe haltlos und warf Äthiopien stattdessen vor, die sudanesische RSF-Miliz zu unterstützen – jene Spezialeinheit, die seit dreieinhalb Jahren gegen das reguläre sudanesische Militär kämpft. Asmara erklärte, Äthiopien versuche, die Verantwortung für seine eigenen inneren Probleme auf die Nachbarstaaten abzuwälzen.

Susanne Stollreiter, Leiterin des Äthiopien-Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, sieht in diesem Konflikt mehr als ein innenpolitisches Drama. Es sei zwar primär eine innere Angelegenheit, aber mit erheblicher außenpolitischer Dimension, weil externe Akteure direkt oder indirekt verwickelt sind und eigene Interessen verfolgen. Sollte sich der Konflikt ausweiten, warnt sie, könnte es zu einem Flächenbrand in der gesamten Region führen – angesichts der vielen bestehenden Konfliktlinien am Horn von Afrika ein realistisches Szenario.

Die Wurzeln dieser Verstrickung liegen in älteren Spannungen. Ägypten und Sudan sind seit Jahren verärgert über Äthiopiens Staudamm am Blauen Nil, der kurz vor der Grenze das Wasser aufstaut. Kairo und Khartum fürchten, dass der Grand Ethiopian Renaissance Dam nicht nur Strom erzeugt, sondern auch als politisches Druckmittel eingesetzt werden könnte – eine existenzielle Bedrohung für zwei Länder, deren Landwirtschaft vom Nil abhängt. Seit April 2023 wird Sudan von einem brutalen Bürgerkrieg zerrissen: Die RSF kämpft gegen das reguläre Militär SAF um die Kontrolle des Landes. Und genau hier verflechten sich die Konflikte.

Nach dem Friedensabkommen von Pretoria, das den Tigray-Krieg 2020 bis 2022 beendete, gingen viele tigrayische Kämpfer ins Exil nach Sudan. Als dort der Bürgerkrieg ausbrach, formierten sie sich unter dem Namen "Army 70" und kämpften an der Seite der SAF. Magnus Taylor, stellvertretender Projektleiter für das Horn von Afrika bei der International Crisis Group, beschreibt sie als treibende Kraft, die die SAF half, die RSF im Osten Sudans zurückzudrängen – bis nach Khartum. Diese Verbindung bestand fort. Im Mai empfing Sudans Militärregierung, die wegen der Kämpfe inzwischen in Port Sudan sitzt, hochrangige Vertreter der TPLF und andere äthiopische Oppositionelle. Für die äthiopische Bundesregierung ist dies ein Problem: Ein Nachbarland unterstützt offenbar eine der stärksten Oppositionsgruppen des Landes.

Auf der anderen Seite des Konflikts steht Äthiopiens Zentralregierung an der Seite der RSF. Im Februar berichtete Reuters von einem geheimen Trainingslager für RSF-Kämpfer in der äthiopischen Grenzregion Benishangul-Gumuz. Den Berichten zufolge stellen die Vereinigten Arabischen Emirate Ausbilder, Geld und logistische Unterstützung bereit – was die VAE offiziell bestreiten. Die Emirate gelten als enge Verbündete Äthiopiens und als der wichtigste externe Unterstützer der RSF, obwohl sie dies leugnen. Bislang gibt es jedoch keine Anzeichen dafür, dass SAF oder RSF direkt in Äthiopien kämpfen.

Erithreas Rolle bleibt rätselhaft. Im vorangegangenen Tigray-Krieg kämpfte Eritrea an der Seite von Premierminister Abiy Ahmed gegen die TPLF. Danach zerstritten sich Asmara und Addis Abeba jedoch. Experten vermuten seit längerem, dass Eritrea trotz Dementis inzwischen auch die TPLF unterstützt – aus Misstrauen gegenüber Abiy, der Äthiopien Zugang zu den Weltmeeren verschaffen will, notfalls durch die Eroberung des eritreischen Hafens Assab am Roten Meer. Taylor hält ein begrenztes eritreisches Engagement für plausibel, ein größeres jedoch nicht. Eritreas Strategie ziele darauf ab, militärische Aktionen abzuschrecken, nicht sie zu provozieren.

Das Horn von Afrika grenzt im Norden an eine Golfregion, die durch den Iran-Konflikt und die Huthis im Jemen an Stabilität verloren hat. Die Drohungen der jemenitischen Miliz machen Schiffspassagen durch die Meerenge Bab al-Mandab zum Risiko. Es sind wichtige Handelswege, um die gekämpft wird, und jeder versucht, von der Instabilität zu profitieren. Die USA und die durch den Ukraine-Krieg gebundenen Europäer haben das Horn von Afrika weniger im Blick als früher. Dafür sind die Regionalmächte VAE und Saudi-Arabien präsenter – beide werden beschuldigt, verschiedene Kriegsparteien in Sudan und Jemen zu unterstützen, und beide haben die Region in den vergangenen Jahren polarisiert. Taylor glaubt jedoch nicht, dass Äthiopien zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den Golfstaaten eskaliert. Die VAE unterstützen Addis Abeba nachdrücklich, während Saudi-Arabien keine starke Unterstützung für die TPLF oder andere Oppositionsgruppen leistet. Eine Woche nach Kriegsbeginn gibt es noch keine Anzeichen für eine Internationalisierung des Konflikts – doch am instabilen Horn von Afrika ist dieses Risiko besonders groß.

Es ist zwar vorrangig ein innenpolitischer Konflikt, aber doch mit außenpolitischer Dimension aufgrund der vielen externen Akteure, die in diesen Konflikt direkt oder indirekt involviert sind.
— Susanne Stollreiter, Friedrich-Ebert-Stiftung
Für die äthiopische Bundesregierung ist es ein Problem, dass der Sudan offenbar eine der stärksten Oppositionsgruppen des Landes unterstützt, im Rahmen einer Art Bündnis oder Allianz.
— Magnus Taylor, International Crisis Group
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