AfD-Politiker Rausch wird Landtagspräsident – mit rätselhaften CDU-Stimmen

Die Grundsätze eines fairen Parlamentarismus dürfen sich nicht verändern
Rausch verspricht in seiner Antrittsrede, sein Amt unparteiisch auszuüben – doch die Nominierung Tillschneiders widerspricht diesem Anspruch.
Mark

Warum ist es so bedeutsam, dass erstmals ein AfD-Politiker Landtagspräsident wird? Das ist doch nur ein repräsentatives Amt.

Mimi

Es geht nicht um die formale Macht, sondern um das Symbol. Der Landtagspräsident verkörpert das Parlament selbst. Wenn ein Politiker einer Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, dieses Amt innehat, verändert das die Wahrnehmung des Parlaments fundamental.

Luke

Aber Rausch selbst ist nicht mit rechtsextremen Äußerungen aufgefallen. Die Quelle sagt das explizit.

Mimi

Stimmt, aber er hat sich solchen Äußerungen von Fraktionskollegen auch nicht vernehmbar entgegengestellt. Und dann nominiert die AfD Tillschneider als Vizepräsident – einen Mann, der mit NS-Anspielungen provoziert. Das ist das echte Signal.

Mark

Was ist denn mit den rätselhaften CDU-Stimmen? Wie viele waren es wirklich?

Luke

Das ist das Kernproblem: Wir wissen es nicht. Rausch bekam 48 Stimmen, brauchte aber nur 44. Die CDU sagte, sie enthält sich. Es gab aber nur fünf Enthaltungen insgesamt. Das bedeutet, einige CDU-Abgeordnete stimmten anders – aber die Quelle kann nicht sagen, wie viele für und wie viele gegen Rausch waren.

Mimi

Und das schürt Spekulationen. In Magdeburg wird gemunkelt, dass CDU-Abgeordnete heimlich mit der AfD zusammenarbeiten. Das ist für die CDU ein echtes Problem.

Mark

Ist das wahrscheinlich?

Luke

Die Quelle legt nahe, dass Schulze seine Fraktion nicht im Griff hat. Er setzte sich selbst nur knapp gegen seinen Vorgänger durch. Aber ob das bedeutet, dass CDU-Abgeordnete bewusst für Rausch stimmten oder nur undiszipliniert waren – das können wir aus dem Material nicht sagen.

Mimi

Der Dezember wird es zeigen. Wenn Siegmund zum Ministerpräsidenten gewählt wird, obwohl das BSW sich enthalten will, dann wissen wir, dass etwas Ungewöhnliches passiert ist.

Mark

Und wenn nicht?

Luke

Dann war es vielleicht nur Chaos in der CDU-Fraktion. Das ist auch nicht beruhigend, aber es ist etwas anderes als geheime Absprachen.

  • Tobias Rausch (35) wird mit 48 von 83 Stimmen Landtagspräsident – vier mehr als nötig
  • Die CDU-Fraktion hielt sich nicht an ihre Enthaltungslinie; nur fünf Enthaltungen insgesamt
  • Die AfD nominiert Hans-Thomas Tillschneider als Vizepräsident; er erhält genau 44 Stimmen (AfD+BSW)
  • Im Dezember wählt der Landtag den Ministerpräsidenten; das BSW will sich enthalten

Tobias Rausch (35) wird mit 48 von 83 Stimmen Landtagspräsident – vier mehr als die AfD-BSW-Koalition benötigt. Die CDU-Fraktion hielt sich nicht an ihre Enthaltungslinie. Die AfD nominiert den Hardliner Hans-Thomas Tillschneider als Vizepräsident, obwohl Rausch versöhnliche Töne anschlägt. Das Signal: Die Partei bleibt zur Radikalität entschlossen.

Erstmals wird ein AfD-Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt – Tobias Rausch erhält in Magdeburg 48 Stimmen, mutmaßlich auch von CDU-Abgeordneten. Die Partei nominiert zugleich den umstrittenen Hans-Thomas Tillschneider als Vizepräsident.

Zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte sitzt ein Politiker der AfD im höchsten Amt eines Landtags. Am Dienstagmittag wählte der sachsen-anhaltische Landtag den 35-jährigen Tobias Rausch zum Präsidenten – mit 48 von 83 Stimmen. Das waren vier Stimmen mehr, als die AfD-BSW-Koalition benötigte. Woher die zusätzlichen Stimmen kamen, ist bis heute ungeklärt, aber der Verdacht fällt auf die CDU-Fraktion, die eigentlich Enthaltung signalisiert hatte.

Der Morgen begann mit Selbstbewusstsein auf der Seite der Wahlsieger. AfD-Abgeordnete fotografierten ihre neue Sitzordnung im umgestalteten Plenarsaal – 39 Mandate, nicht mehr am rechten Rand, sondern in der Mitte. Der Fraktionsvorsitzende Ulrich Siegmund hatte bereits am Montag ein Video für seine Anhänger gedreht, in dem er die neue Anordnung als "wunderbar" pries und mit einem Lächeln bemerkte, dass die Grünen jetzt "ganz am rechten Rand" Platz nehmen müssten. Vor dem Gebäude protestierten knapp 500 Gegendemonstranten gegen eine Aushöhlung der Demokratie. Die AfD ließ sich davon nicht beeindrucken.

Das erste Wort der neuen Legislaturperiode gehörte der Linken. Eva von Angern, seit 2002 ununterbrochen im Landtag, wurde zur Alterspräsidentin – eine Rolle, die sonst nach Lebensalter vergeben worden wäre und dem früheren Stasi-Offizier Frank-Ronald Bischoff von der AfD zugefallen wäre. Von Angern nutzte ihre Rede, um an Clara Zetkin zu erinnern, die 1932 als Kommunistin das Amt innehatte, bevor "das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte" folgte. Sie warnte, dass Demokratie zerbrechlich sei – sieben Wochen hätten 1933 gereicht, um eine Diktatur zu errichten. Siegmund rollte genervt die Augen. Vor ihm stand eine Kaffeetasse mit der Aufschrift "linke Tränen".

Von Angern sprach auch von den unmittelbaren Folgen des Wahlergebnisses: Bewerber für das Lehramt sprangen ab, Reisen nach Magdeburg würden storniert, es gebe Warnungen aus anderen Bundesländern, dass Finanzmittel zurückgehalten werden könnten. Sie kritisierte aber auch Politiker wie Markus Söder, die die Finanztransfers zwischen reichen und armen Ländern infrage stellten – das käme einer Bestrafung der Wähler gleich. Gleichzeitig lobte sie, dass die AfD von ihren anfänglichen Forderungen abgerückt war, andere Fraktionen aus dem Gebäude auszuquartieren und die Ausschüsse zu dominieren. Das sei ein "gutes Zeichen".

Rausch selbst präsentierte sich in seiner ersten Rede als Landtagspräsident versöhnlich und staatsmännisch. Er versprach, sein Amt nicht als Präsident einer Fraktion, sondern des gesamten Landtags auszuüben. Er wolle aus früheren Sonderregeln gegen die AfD "keine Abrechnung mit der Vergangenheit machen", sondern Lehren für die Zukunft ziehen. "Die Grundsätze eines fairen Parlamentarismus dürfen sich nicht verändern", mahnte er. Doch in den anderen Fraktionen gab es Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieser Worte – besonders, nachdem die AfD kurz vor der Konstituierung ihren größten Scharfmacher Hans-Thomas Tillschneider als Vizepräsident nominierte.

Tillschneider, ein Bildungspolitiker, der gerne mit NS-Anspielungen provoziert, galt bei den anderen Fraktionen als ungeeignet für ein repräsentatives Amt. Die Nominierung war ein klares Signal: Die AfD bleibt zur Radikalität entschlossen, auch wenn Rausch ausgleichende Töne anschlägt. Das BSW kündigte zunächst an, gegen Tillschneider zu stimmen, weil er das "Gegenteil einer ausgleichenden und präsidialen Persönlichkeit" sei. Doch bei der Abstimmung erhielt Tillschneider genau 44 Stimmen – die gemeinsame Stimmenzahl von AfD und BSW. Die BSW-Fraktion applaudierte bei der Bekanntgabe des Ergebnisses. Es gab 38 Gegenstimmen, was der Summe aller anwesenden Abgeordneten von Linken, Grünen, SPD und CDU entsprach.

Die größte Irritation des Tages war das Abstimmungsverhalten der CDU bei der Wahl Rauschs. Der neue CDU-Fraktionsvorsitzende und Ministerpräsident Sven Schulze hatte angekündigt, dass sich seine 15 Abgeordneten enthalten würden. Bei der Abstimmung gab es aber insgesamt nur fünf Enthaltungen. Das bedeutet: Einige CDU-Abgeordnete stimmten entweder für oder gegen Rausch, entgegen der Fraktionslinie. Schulze, der sich selbst in einer Kampfabstimmung gegen seinen Vorgänger Guido Heuer durchgesetzt hatte, hat seine Truppe offenkundig nicht im Griff. Die fehlende Disziplin nährt Spekulationen in Magdeburg, dass CDU-Abgeordnete mit der AfD gemeinsame Sache machen könnten.

Die eigentliche Feuerprobe steht der CDU noch bevor. Im Dezember will Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Das BSW hat angekündigt, sich bei dieser Wahl enthalten zu wollen – anders als bei der Wahl Rauschs. Doch nach dem chaotischen Abstimmungsverhalten bei Rausch dürfte es auch in der Union Unruhe geben. Die Frage, ob CDU-Abgeordnete Siegmund zu einer Mehrheit verhelfen könnten, wird die Partei bis zur Abstimmung nicht mehr loslassen, zumal Anfang Dezember noch ein Landesparteitag ansteht, auf dem Schulzes Rivale Sepp Müller den Landesvorsitz übernehmen will.

Wenn das zur Befriedung beiträgt
— Tobias Rausch, AfD-Parlamentarischer Geschäftsführer, zur Änderung der Geschäftsordnung
Die Grundsätze eines fairen Parlamentarismus dürfen sich nicht verändern
— Tobias Rausch in seiner Antrittsrede als Landtagspräsident
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