In einer Zeit, in der psychische Besonderheiten von Kindern zunehmend sichtbar werden, teilt die Moderatorin Annika Lau ihre persönliche Geschichte: Aufgewachsen mit dem Bild einer geordneten bayerischen Kindheit, sah sie sich als Mutter eines Sohnes mit ADHS mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ihre Vorstellungen grundlegend erschütterte. ADHS, so Lau, ist kein abstraktes Diagnosekonzept, sondern ein tägliches Ringen mit den kleinsten Dingen des Lebens – und die Frage, wie Familien dennoch zusammenfinden, ist eine zutiefst menschliche.
ADHS im Familienalltag: Wenn Hände waschen zur Herausforderung wird
Harmonie bedeutet nicht, dass alles reibungslos läuft
Was genau macht ADHS mit dem Alltag eines Kindes? Ist es wirklich so schwierig, sich die Hände zu waschen?
Für viele Kinder mit ADHS ja. Es geht nicht um Unwilligkeit. Das Gehirn signalisiert dem Körper, was zu tun ist, aber irgendwo unterwegs geht das Signal verloren. Oder es wird von hundert anderen Signalen übertönt.
Aber wir sollten vorsichtig sein – das ist Laus Erfahrung mit ihrem Sohn, nicht unbedingt die universelle Erfahrung aller ADHS-Kinder. Die Symptome sind sehr unterschiedlich.
Und diese Gurgel-Strategie – ist das wissenschaftlich belegt oder eher eine persönliche Bewältigungstechnik?
Das ist Laus persönliche Strategie. Sie hat herausgefunden, dass es ihr hilft, in Momenten der Überforderung einen Moment Ruhe zu schaffen.
Genau. Das ist wichtig zu unterscheiden. Das ist nicht eine Behandlung für ADHS. Es ist eine Eltern-Überlebensstrategie. Und das ist völlig legitim und wertvoll, aber wir sollten nicht so tun, als würde es ADHS heilen oder auch nur behandeln.
Also geht es Lau nicht darum, ADHS zu "lösen", sondern darum, wie man damit lebt?
Ja. Sie beschreibt, wie ihre Erwartungen sich ändern mussten. Sie wollte eine idyllische Familie wie in ihrer eigenen Kindheit. Stattdessen bekam sie eine Familie, die anders funktioniert.
Und das ist eine wichtige Geschichte. Aber wir wissen aus dem Material nicht, ob ihr Sohn diagnostiziert wurde, wie alt er ist, ob er Medikamente nimmt, oder wie lange das alles schon läuft. Das würde helfen, die Geschichte besser zu verstehen.
Das ist fair. Aber bedeutet das, dass die Geschichte weniger wertvoll ist?
Nein. Es bedeutet nur, dass wir ehrlich sein sollten über das, was wir wissen und was nicht.
Le Pouls
- Was für andere Kinder selbstverständlich ist – Hände waschen, Anziehen, Frühstücken – wird für Kinder mit ADHS täglich zur unüberwindbaren Hürde.
- Laus Bild einer harmonischen Familienidylle zerbrach nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch die stille Anhäufung von Momenten, in denen ihr Sohn anders war als erwartet.
- Die Diagnose brachte keine Erleichterung, sondern zunächst Verstörung – das Leben, das sie sich vorgestellt hatte, existierte nicht mehr.
- Kleine, unkonventionelle Strategien wie das Gurgeln mit Wasser helfen, in Momenten der Überforderung einen Atemraum zu schaffen – für Eltern und Kind gleichermaßen.
- Laus Geschichte zeigt: Harmonie bedeutet nicht Reibungslosigkeit, sondern die Bereitschaft, gemeinsam durch die Reibung zu gehen.
In einer Zeit, in der psychische Besonderheiten von Kindern zunehmend sichtbar werden, teilt die Moderatorin Annika Lau ihre persönliche Geschichte: Aufgewachsen mit dem Bild einer geordneten bayerischen Kindheit, sah sie sich als Mutter eines Sohnes mit ADHS mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ihre Vorstellungen grundlegend erschütterte. ADHS, so Lau, ist kein abstraktes Diagnosekonzept, sondern ein tägliches Ringen mit den kleinsten Dingen des Lebens – und die Frage, wie Familien dennoch zusammenfinden, ist eine zutiefst menschliche.
Annika Lau wuchs in Bayern auf, in einer Kindheit, die sie als idyllisch und geordnet erlebte. Sie hatte sich vorgestellt, dass ihre eigene Familie ähnlich verlaufen würde. Dann wurde bei ihrem Sohn ADHS diagnostiziert – und der Alltag wurde zu etwas ganz anderem.
ADHS bedeutet nicht nur Unruhe oder Konzentrationsprobleme im klassischen Sinne. Es bedeutet, dass die grundlegendsten Dinge des Tages – Hände waschen, sich anziehen, frühstücken – zu echten Kämpfen werden können. Für Lau war es keine einzelne Szene, die ihr das klargemacht hat, sondern eine Anhäufung von Momenten, in denen ihr Sohn an Dingen scheiterte, die anderen Kindern mühelos gelangen. Die Erkenntnis war nicht erleichternd, sondern verstörend.
Das Besondere an Laus Umgang mit dieser Situation ist, dass sie nicht bei der Schwierigkeit stehen bleibt. Sie hat gelernt, mit kleinen, unkonventionellen Strategien Raum zu schaffen – etwa dem Gurgeln mit Wasser in Momenten der Überforderung. Es klingt absurd, aber es funktioniert: eine kurze Pause, die sowohl dem Kind als auch der Mutter hilft, den nächsten Moment zu erreichen.
Was Lau letztlich beschreibt, ist eine Neukalibrierung von Erwartungen. Harmonie bedeutet nicht mehr, dass alles reibungslos läuft – sondern dass man gemeinsam durch die Reibung geht. Die Frage ist nicht mehr, wie man ein idyllisches Leben führt, sondern wie man ein echtes führt.
Annika Lau wuchs in Bayern auf, in einer Kindheit, die sie selbst als idyllisch und harmonisch beschreibt. Sie hatte sich vorgestellt, dass ihre eigene Familie ähnlich verlaufen würde – geordnet, vorhersehbar, ohne größere Bruchstellen. Dann bekam sie einen Sohn mit ADHS, und der Alltag wurde zu etwas ganz anderem.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ist nicht das, was viele Menschen denken, wenn sie das Wort hören. Es geht nicht nur um Unruhe oder mangelnde Konzentration im klassischen Sinne. Es geht um die grundlegendsten Dinge des Tages: Hände waschen. Sich anziehen. Frühstück essen. Für Kinder ohne ADHS sind das Routinen, die sich von selbst einschleifen. Für Kinder mit ADHS können sie zu Kämpfen werden, zu Momenten, in denen das Gehirn sich weigert, das zu tun, was der Körper tun soll.
Lau erkannte relativ früh, dass ihr Sohn nicht so funktionierte wie andere Kinder. Es war nicht eine einzelne Szene, sondern eine Anhäufung von Momenten – Situationen, in denen etwas, das für andere Kinder natürlich war, für ihren Sohn unmöglich schien. Die Erkenntnis war nicht erleichternd, sondern verstörend. Sie hatte sich ein Leben vorgestellt, und dieses Leben war nicht das, das sie bekam.
Das Besondere an Laus Geschichte ist, dass sie nicht nur die Schwierigkeit benennt, sondern auch zeigt, wie man damit lebt. Sie hat gelernt, dass kleine Strategien helfen können – unkonventionelle Dinge, die in den Momenten der Überforderung Raum schaffen. Gurgeln mit Wasser, zum Beispiel. Es klingt absurd, wenn man es so sagt, aber es funktioniert. Es ist eine Pause. Es ist eine Möglichkeit, den Körper zu beschäftigen, während der Geist sich beruhigt. Es ist ein Werkzeug, das zwischen Eltern und Kind steht und beiden hilft, den nächsten Moment zu erreichen.
Was Lau in ihrem Buch beschreibt, ist nicht die Pathologie von ADHS, sondern die Realität des Lebens mit ADHS. Es ist die Realität von Eltern, die ihre Erwartungen neu kalibrieren müssen, und von Kindern, deren Gehirne anders verdrahtet sind. Es ist die Realität, dass Harmonie nicht bedeutet, dass alles reibungslos läuft, sondern dass man zusammen durch die Reibung geht. Die Frage ist nicht mehr, wie man ein idyllisches Leben führt, sondern wie man ein echtes Leben führt – mit all seinen Unebenheiten und Herausforderungen.
Citations marquantes
Sie hatte sich vorgestellt, dass ihre eigene Familie ähnlich verlaufen würde – geordnet, vorhersehbar, ohne größere Bruchstellen. Dann bekam sie einen Sohn mit ADHS.— Aus Laus Beschreibung ihrer Erwartungen versus Realität