Har entwickelte in Gefangenschaft eine strikte Routine, um psychisch zu überleben. Im Februar 2024 befreiten israelische Spezialkräfte ihn und vier Familienmitglieder in einer dramatischen Nachtaktion. Heute reist Har weltweit und spricht vor Politikern, doch Panikattacken und Flashbacks holen ihn regelmäßig ein. Er betont: Das Trauma lässt sich nicht heilen oder vergessen.
129 Tage in Hamas-Gefangenschaft: Luis Hars Kampf mit dem Trauma
Das Trauma tragen wir in uns. Man kann es nicht heilen.
Was hat ihn denn am meisten überrascht, als er zurückkam — die physischen Verletzungen oder das Psychische?
Das Psychische war das Überraschende. Er funktioniert, er redet, er schreibt Bücher. Aber sein Körper erinnert sich an Dinge, die sein Verstand längst verarbeitet haben sollte. Ein Motorradgeräusch, und alles bricht wieder auf.
Aber wir wissen nicht wirklich, wie schwer die physischen Folgen sind. Der Text konzentriert sich auf die psychischen Narben. Das ist legitim, aber es ist auch eine Auswahl.
Und die Familie — die vier Familienmitglieder, die mit ihm befreit wurden. Wie geht es ihnen?
Das wird nicht gesagt. Wir wissen nur, dass sie zusammen eingesperrt waren und zusammen befreit wurden. Aber ihre Geschichten bleiben unsichtbar.
Genau. Wir haben eine Person und ihre Erfahrung. Das ist wertvoll. Aber es ist auch unvollständig.
Was ihn am meisten zu quälen scheint, ist nicht die Erinnerung selbst, sondern das Schweigen der Nachbarn.
Ja. Die Welt applaudiert ihm, aber die Menschen, die ihn jeden Tag sehen könnten, schauen weg. Das ist eine andere Art von Gefangenschaft.
Wobei fair ist: Die Nachbarn sind selbst traumatisiert. Das erklärt es nicht, aber es kontextualisiert es. Trotzdem bleibt Hars Schmerz real.
El Pulso
- 7. Oktober 2023: Luis Har (73) von Hamas verschleppt
- 129 Tage Gefangenschaft in Rafah mit vier Familienmitgliedern
- Februar 2024: Befreiung durch israelische Spezialkräfte
- Kibbuz Urim, wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt
Har entwickelte in Gefangenschaft eine strikte Routine, um psychisch zu überleben. Im Februar 2024 befreiten israelische Spezialkräfte ihn und vier Familienmitglieder in einer dramatischen Nachtaktion. Heute reist Har weltweit und spricht vor Politikern, doch Panikattacken und Flashbacks holen ihn regelmäßig ein. Er betont: Das Trauma lässt sich nicht heilen oder vergessen.
Der 73-jährige Luis Har wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas verschleppt und nach 129 Tagen befreit. Drei Jahre später kämpft er mit Traumafolgen und dem Schweigen seiner Nachbarn im Kibbuz Urim.
Luis Har steht in seinem kleinen, hellen Haus im Kibbuz Urim und deutet auf eine Reihe von Fotos, die auf einer Kommode stehen. Eines zeigt das Innere eines Militärhubschraubers, ein anderes eine Umarmung im Krankenhaus — Momente, die den Anfang seiner Freiheit markieren. Der 73-Jährige, gebürtig aus Argentinien, war am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen aus Israel nach Gaza verschleppt worden. Zusammen mit vier Familienmitgliedern verbrachte er 129 Tage in einem abgedunkelten Raum in Rafah, bevor israelische Spezialkräfte ihn im Februar 2024 in einer dramatischen Nachtaktion befreiten.
In der Gefangenschaft entwickelte Har eine strikte Routine, um psychisch nicht zu zerbrechen. Jeden Morgen standen er und seine Familie auf, falteten die Decken zusammen, er bereitete das Frühstück vor. Obwohl die Tage leer waren, hielten sie an einem Gedanken fest: dass sie hier herauskommen würden. Diese bewusst aufrechterhaltene Normalität war ihre Überlebensstrategie gegen die permanente Todesangst.
Heute funktioniert Har nach außen hin. Er hat ein Buch geschrieben, reist um die Welt, spricht vor Politikern und UN-Vertretern. Doch die 129 Tage haben sich tief in seinen Körper eingebrannt. Das Trauma holt ihn im Alltag unvermittelt ein — beim Gehen auf der Straße beginnt er plötzlich zu weinen, ein Wort oder ein Geräusch genügt. Wenn ein Motorrad vorbeifährt, erstarrt sein Körper. In diesen Momenten schließt er die Augen und sagt sich selbst: "Luis, du bist hier, du bist nicht dort." Har ist sich sicher, dass sich diese Erfahrung nicht einfach abschütteln lässt. "Das Trauma tragen wir in uns. Man kann es nicht heilen, man kann es nicht entfernen," sagt er. Wer behaupte, es vergessen zu haben, lüge.
Nach seinen großen Auftritten auf der Weltbühne kehrt Har stets in sein kleines Haus nach Urim zurück. Doch die ersehnte Normalität im eigenen Kibbuz hat einen bitteren Beigeschmack. Von den Menschen, mit denen er Tür an Tür lebt, vermisst er ein Signal der Anteilnahme. Während er weltweit Anerkennung erfährt, herrscht in seiner unmittelbaren Nachbarschaft oft lähmendes Schweigen. Die Mitmenschen, die durch die Ereignisse des 7. Oktober oft selbst tief traumatisiert sind, fürchten sich davor, alte Wunden wieder aufzureißen. Für Har fühlt sich das wie eine verletzende Distanz an: "Wie kann es sein, dass es ihnen egal ist, wie kann es sein, dass sie so tun, als wäre nichts passiert."
Trotz dieser Enttäuschungen im eigenen Umfeld weigert sich der 73-Jährige zu verbittern. Er begreift sein Überleben nicht als Zufall, sondern als eine Verpflichtung. Die Gefangenschaft hat ihn verändert — er sieht sich heute als eine andere Person. Wenn er Menschen begegnet und sie umarmt, will er das weitergeben, was ihn in den dunkelsten Monaten seines Lebens gerettet hat: unerschütterliche Zuversicht. "Man hat mir nicht nur mein neues Leben gegeben," sagt Har, "sondern mir die Mission übertragen, in der ganzen Welt die Hoffnung zu verbreiten — die Tikva, wie man bei uns sagt."
Citas Notables
Das Trauma tragen wir in uns. Man kann es nicht heilen, man kann es nicht entfernen. Wer sagt, ich habe es schon vergessen — das ist eine Lüge.— Luis Har
Man hat mir nicht nur mein neues Leben gegeben, sondern mir die Mission übertragen, in der ganzen Welt die Hoffnung zu verbreiten — die Tikva, wie man bei uns sagt.— Luis Har